FRAUENERWERBSARBEIT IM LIECHTENSTEIN DER NACHKRIEGSZEIT / JULIA FRICK Nach Ansicht des Landtages war die vermehrte Beschäftigung von Frauen konjunkturbedingt und sie waren davon überzeugt, dass bei Abklingen der Konjunktur und einem Rückgang der Beschäftigten, man wieder ausschliesslich auf männliche Arbeits- kräfte zurückgriff. In der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber arbeitenden Frauen hatte sich im Vergleich zu den 1950er Jahren wenig geändert. DIE ERSTE LEFIRTOCHTER Im Jahre 1960 wurde die erste kaufmännische Lehrtochter in der Landesverwaltung ausgebildet. Die junge Frau hatte sich zuvor bei den Banken um eine Lehrstelle beworben; diese lehnten sie jedoch mit der Begründung ab, sie würden keine weibli- chen Lehrlinge ausbilden. Die Lehrstelle in der Lan- desverwaltung erhielt sie nur dank der Fürsprache des Regierungschefs. Sie blieb für lange Zeit die ein- zige Lehrtochter in der Landesverwaltung.158 SCHREIBKRÄFTE SIND WEIBLICH Mitte des Jahres 1963 wandten sich erneut ver- schiedene Ämter an die Regierung. So bat die Mo- torfahrzeugkontrolle um eine Hilfskraft für den ad- ministrativen Teil im Büro, da durch den grossen Arbeitsaufwand der technischen Arbeit zu wenig Augenmerk geschenkt werden könne und die Mo- torfahrzeugexperten die Hälfte der Zeit Büroarbei- ten verrichten müssten.159 Einen Tag später erhielt die Regierung dieselbe Anfrage vom liechtensteini- schen Forstamt. Auch dieses forderte eine Schreib- kraft, welche sie von den administrativen Arbeiten befreite: «Leider fehlt uns dazu noch eine Schreib- kraft. Wir sitzen heute selbst an der Schreibmaschi- ne und müssen uns durch die Verrichtung unterge- ordneter Büroarbeiten wertvolle Zeit wegstehlen lassen. Dipl. Ing. A. Jäger und der Gefertigte sind teure Schreibkräfte und dazu nicht einmal gute.»160 In den beiden Schreiben wurde nicht ausdrück- lich eine weibliche Schreibkraft gefordert, im Res-sortantrag 
für die Ausschreibung dieser Stelle war dann aber nur von einer weiblichen Schreibkraft die Rede. Es gab keine Diskussion im Landtag, denn es war für alle offenbar klar, dass nun die Schreib-/ Hilfskräfte im Staatsdienst weiblich sein sollen. Die Regierung begründete ihre Ausschreibung damit, dass die Arbeitsverrichtung der Ämter, in welchen gut besoldete männliche Arbeitskräfte die Schreibarbeiten selber erledigten, unrationell sei.161 Für diese Stellenausschreibung bewarben sich zwei Liechtensteinerinnen. Die eine wurde mit der Begründung, dass sie keine praktische Ausbildung hatte, abgelehnt, der anderen, welche eine kauf- männische Lehre absolviert hatte, praktische Erfah- rungen als Korrespondentin in einer Grossfirma so- wie Sprachkenntnisse und einen längeren Ausland- aufenthalt vorweisen konnte, bot die Regierung die Stelle als Stenodactylo im Bauamt, in der landwirt- schaftlichen Beratungsstelle, im Forstamt und im Pressedienst mit einem Monatslohn von 800 Fran- ken (5. Besoldungsklasse, 4. Gehaltsstufe) an. Der Lohn blieb unter ihren Erwartungen, ihre Lohnvor- stellung im Bewerbungsschreiben gab sie mit 900 Franken an. Die Frau lehnte die Stelle der Regie- rung ab, da die Grossfirma, in welcher sie arbeitete, sie bat zu bleiben und ihr dafür ein höheres Gehalt anbot. 152) Gustav Ospelt, Triesenberg (geb.1920) von Beruf LKW-Angestell- ter, Funktion als stellvertretender Landtagsabgeordneter der VU (1958-1966). 153) Landtagsprotokoll vom 27. Mai 1960, S. 58. 154) Ebenda, S. 56. 155) Dr. Ernst Büchel, Gamprin (1922-2003) von Beruf Rechtsan- walt, Funktionen als Sekretär des Verwaltungsrates der Landesbank (1955-1966), Präsident des Verwaltungsrates der Landesbank (1966- 1970), Gemeinderat in Gamprin (1963-1966), Landtagsabgeordneter der FBP (1957-1982). 156) Landtagsprotokoll vom 27. Mai 1960, S. 57. 157) Vgl. Landtagsprotokoll vom 20. Dezember 1960, S. 286. 158) Vgl. Marxer/Hilti, Inventur, S. 82. 159) Vgl. LLA, Schachtel RF 291/301, Amt für Industrie und Gewer- be, 29. Mai 1963. 160) Ebenda. 30. Mai 1963. 161) Ebenda, o. D. (196.3). 61
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.