DIE 1960ER JAHRE ANSÄTZE ZUR CHANCENGLEICHHEIT Der Anstieg der Konjunktur brachte es 1960 mit sich, dass es weiterer weiblicher Hilfskräfte im Staatsdienst bedurfte. In der Landtagssitzung vom 27. Mai 1960 wurde die Anstellung von zwei Kanz- listen oder Kanziistinnen behandelt. Die Forderung der Regierung, die Stelle für beide Geschlechter aus- zuschreiben, führte zu Missverständnissen und Op- position. Der Abgeordnete Gustav Ospelt152 führte aus, dass die Anstellung von männlichen Arbeits- kräften Familienvätern den Verdienst sichern wür- de. Bei weiblichen Arbeitskräften müsse ohnehin damit gerechnet werden, dass sie sich mit der Zeit verehelichten und dass dann wieder neue Arbeits- kräfte angelernt werden müssten. Aus diesen Grün- den votiere er dafür, dass beim Staat grundsätzlich nur männliche Arbeitskräfte einzustellen seien. Gustav Ospelt zog seinen Antrag gegen Schluss der Landtagssitzung wieder zurück, da es sich bei dieser Anstellung nicht um Beamtinnen handle, sondern um Hilfskräfte. «Es ist mir auch klar, dass bei untergeordneten und vor allem mechanischen Büroarbeiten weibliche Arbeitskräfte sehr wohl in der Lage sind, eine den männlichen Arbeitskräften gleichwertige oder noch höhere Arbeitsleistung her- vorzubringen.»153 Ospelt betonte aber am Schluss seiner Rede, dass er sich nicht einverstanden erklä- ren könne mit der Anstellung von weiblichen Ar- beitskräften als Beamtinnen. Für Regierungschef Frick war bei der Antrags- stellung klar, dass es sich nicht um Beamte bzw. Be- amtinnen handeln würde. Die Erfahrungen der letz- ten Jahre mit den weiblichen Hilfskräften seien sehr positiv gewesen, die Regierung wolle die weiblichen Arbeitskräfte nicht mehr missen. Es gebe in der Ver- waltung und beim Landgericht sehr viel reine Ste- nodaktyloarbeit (Schreibmaschine, Stenographie, Diktat), für welche sich weibliche Angestellte besser eignen würden als männliche. Ausserdem sei es sehr schwer, geeignete männliche Kräfte zu finden. Diese würden sich auch nicht gut unterordnen las-sen. 
«Es ist [aber] eine altbekannte Tatsache, dass Männer lieber selbständig arbeiten und sich weibli- che Angestellte als Schreibkräfte besser eignen.»154 Der Regierungschef argumentierte, dass Frauen und Männer für diese Anstellung angefragt werden sollten, damit die Regierung eine Auswahl hätte; denn es sei sehr schwierig geworden, geeignete Kräfte für den Staatsdienst zu finden, da die Privat- wirtschaft mindestens gleich hohe Gehälter bezahle wie der Staat. Frauen müssten in der Ausschrei- bung gezielt angesprochen werden, da auch in der Verwaltung darauf zu achten sei, möglichst günstige Arbeitskräfte zu erhalten. Ausserdem gehe es in die- sem Fall ja nicht um die Besetzung von Beamten- stellen, sondern lediglich um die Einstellung von Hilfspersonal. Auch der Abgeordnete Dr. Ernst Büchel155 war dafür, in der Regel männliche Angestellte einzustel- len; dies sei jedoch in der bestehenden Konjunktur- lage schwer, da so zu sagen jede Person Arbeit fände und die Stellen des Staates kaum noch begehrt sei- en. Daher solle die Regierung entscheiden, ob Kanz- listen oder Kanziistinnen angestellt werden. «So- fern weibliche Arbeitskräfte angestellt werden, so werden diese ja wahrscheinlich in einigen Jahren heiraten. Sollten sich die Verhältnisse auf dem Ar- beitsmarkt inzwischen verschlechtert haben, so können dann zu jenem Zeitpunkt immer noch männliche Arbeitskräfte eingestellt werden.»150 Auf diese Ausschreibung bewarben sich weder Frauen noch Männer.157 Auch noch zu Beginn der 1960er Jahre verteidig- ten verschiedene Landtagsabgeordnete den Um- stand, dass nur Männer den Beamtenstatus erlan- gen konnten. Dies bestätigt, dass sich in der Mei- nung der Landtagsabgeordneten fast nichts geän- dert hatte. Frauen im Staatsdienst waren 1960 nur auf den untersten Ebenen der Angestellten-Skala vertreten, ihre Arbeiten wurden als «untergeordnet» bezeich- net. Landtag und Regierung waren nicht nur der Überzeugung, dass Frauen bessere Leistungen er- brachten bei der Verrichtung mechanischer, mono- toner Arbeiten als Männer, sondern auch, dass Män- ner besser und lieber selbständig arbeiteten. 60
        

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