tern als unschicklich galt, sich selbst nackt zu se- hen.92 Als die Internatsleiterin in den 1950er Jahren eine interne Schülerin nackt beim Baden erwischte, hatte sich das Mädchen eine Standpredigt über un- sittliches Verhalten und Unkeuschheit anzuhören.93 Laut Lehrplan der Höheren Töchterschule ver- wendeten die Schwestern in den ersten Jahren nach der Gründung der Höheren Töchterschule vier ver- schiedene, den unterschiedlichen Schulstufen ent- sprechende Bücher in der Anstandslehre. Die Bü- cher waren in der Art von Zwiegesprächen - bei- spielsweise eines älteren Bruders mit seiner jünge- ren Schwester oder einer jungen Frau mit einer verständnisvollen und vertrauenswürdigen Ärztin - aufgebaut und wurden von der Anstandslehrerin der Klasse vorgelesen.94 Die Einleitung in den Lebenskundeunterricht er- folgte in der ersten Klasse mit «leichten» Themen und begann mit einer einführenden Warnung der Mädchen vor Oberflächlichkeit und Leichtsinn in den verschiedensten Lebensbereichen.95 In der zweiten Klasse begann man damit, die Schülerinnen auf die ihnen lauernden Gefahren hin- zuweisen und sie in Richtung Sittlichkeit zu erzie- hen. Fragen der Mode und des Umganges mit der männlichen Welt wurden diskutiert.96 Laut Unter- richtsmaterial war die Strasse auf keinen Fall dazu da, das Frauliche auszustellen bzw. allzu viel Weib- lichkeit zu zeigen, und eine gewisse «Anpassung» an im Orient verschleiert lebende Frauen wurde ge- wünscht: «Etwas von diesem Verschleierten und Geheimnisvollen sollte jedem Mädchen auf der Stras- se anhaften.»97 Die fragende Schwester wird von ih- rem älteren Bruder dahingehend belehrt, dass nicht die Art und Weise, wie die Frauenwelt gekleidet sei, die Frau zu dem mache, was sie sei, sondern die Frau das Kleid bestimme und nicht umgekehrt, so dass jede anständige Frau auch in einem modernen Kleid anständig sein könne.98 Vor den triebhaften Männern warnte man die jungen Frauen um ihrer Reinheit willen. Die Frau - so belehrte man die Schülerinnen am Institut - müsste sich nicht nur um ihre eigene Reinheit sorgen, sondern auch um dieje- nige der Männer.99 Ihnen wurde klar gemacht, dass die Frau die Schuld an einer möglichen Verführung 
durch einen Mann trage. Denn der Mann - das trieb- gesteuerte Wesen - habe das nicht selber im Griff; zur Heirat und späteren Familiengründung suche er jedoch ein «reines Mädchen und kein anderes».100 Mit der Sexualaufklärung am Institut wurde im dritten Jahr begonnen. Zu diesem Zeitpunkt befan- den sich die Mädchen in einem Alter von etwa 16 92) Die Aussagen zur körperlichen Hygiene stammen von ehemali- gen Schülerinnen, che zur Gymnasiumszeit die Anstandslehre am Institut genossen haben. Die Erzählung einer ehemaligen Schülerin der Höheren Töchterschule legt dar, dass diese Art von Anstandsleh- re jedoch auch noch später gegeben wurde. Es kann aber angenom- men werden, dass dies in den 1960er Jahren nicht mehr der Fall war. da keine meiner Interviewpartnerinnen, die in den 1960er Jahren die Schule besucht haben, auf dieses Thema zu sprechen kam. Siehe das Interview mit Frau B. und Frau C. vom 28. Septem- ber 2006 (Frau B. und Frau C. besuchten das Institut St. Elisabeth Mitte der 1940er Jahre). 93) Interview mit Frau 0. vom 29. September 2006 (Frau 0. besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre). 94) Keine der Interviewpartnerinnen konnte sich daran erinnern, ir- gendwelches Schulmaterial in der Anstandslehre und im Lebenskun- deunterricht empfangen zu haben, und alle erzählten davon, dass die Schwester ihnen vorgelesen und Geschichten erzählt habe. Für die Anfangsjahrc der Höheren Töchterschule kann von der Verwendung der im Lehrplan beschriebenen und in dieser Arbeit herangezogenen Bücher ausgegangen werden. Drei der vier im Lehrplan aufgeführten Bücher konnten gefunden werden, eines nicht. Für die spätere Zeit konnte das genaue Unterrichtsmaterial nicht mehr eruiert werden. 95) Rathgeber, Du Mägdlein höre! 96) LLA, V 008/539, Höhere Töchterschule, undatiert. 97) P. Philipp Hoberg: Gespräche mit meiner Schwester. Luzern, 1944, S. 70. 98) Ebenda, S. 71. 99) Miriam Künzler konnte für die Schweiz nachweisen, dass im Dis- kurs über die Sexualmoral bis Anfang der 1950er Jahre bei voreheli- chem geschlechtlichem Kontakt das Verhalten der Frau kritisierte wurde und nicht dasjenige des Mannes. Siehe Miriam Künzler: «Von Eros und Sexus». Sexualmoral aus der Perspektive katholischer Frau- en- und Familienzeitschriftcn. In: Urs Altermatt (Hrsg.): Katholische Denk- und Lebenswelten. Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte des Schweizer Katholizismus im 20. Jahrhundert. Freiburg, 2003, S. 123. Siehe auch Künzler, Sexualmoral in katholischen Frauen- und Familienzeitschriftcn 1945-1990. 100) Hoberg. Gespräche mit meiner Schwester. S. 76. 24
        

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