HEUERNTE AUF STEILEN ABHÄNGEN Überall auf den steilen Abhängen ernteten die Men- schen das Heu. Sogar an scheinbar kaum zugängli- chen Stellen gab es eine Ansammlung von Ochsen- fuhrwerken und von Hand gezogenen Schlitten. An einem Ort sah ich, wie zwei lachende Kinder in ei- nem rasch wachsenden Heuhaufen den steilen Ab- hang herunter rutschten. Auf Gaflei traf ich einige Kameraden, die mich am Vormittag den rauen und zerklüfteten Fürstensteig entlang begleitet hatten. Sie tranken grosse Gläser mit frischer Milch. Im Speisesaal des Kurhauses harmonierten Klavier und Violine auf gefällige Wei- se, und an einer Wand hing ein Gedicht, welches eine Verhaltensregel für diesen oftmals regneri- schen Ort auf beinahe einer Meile über Meer zum Besten gab: «Guter Humor ist nicht selten Wenn das Wetter schön ist Aber spiel nicht den Dummkopf und verliere den Humor bei Regen.» Das klare Abendlicht der Berge köderte mich auf der breiten Fahrbahn nach Masescha, dem nächsten Plateau unterhalb von Gaflei, und nach Rotenboden. Von Rotenboden aus führte ein kurzer Weg nach Triesenberg, doch zweigte ich ab hinunter nach Va- duz. Als ich den Wald unterhalb von Schloss Vaduz betrat und an den riesigen, mit Kreuzen markierten Buchen entlang ging, da wurde es plötzlich dunkel. Es kam dieselbe tintenschwarze Dunkelheit auf wie nach Abklingen des Abendrots an einem Palmen- strand in Ceylon. Der letzte Abend in Liechtenstein war entzü- ckend. Nachdem ich gerade das Abendessen been- det hatte, strömte ein Autobus voller Frauen und Männer in das Gasthaus. Die Gruppe blieb bis tief in die Nacht, wir feierten eine vergnügliche Party mit viel Gesang, bei dem eine ungeübte Sopranstimme und eine dröhnende Bassstimme akustisch heraus- ragten. Als der Motor ihres Autobusses geräuschvoll «Auf Wiedersehen» sagte, da erwachte ich. Das Singen der Reisegruppe verklang allmählich über der vom 
Mond beschienenen Strasse. Sie sangen «Seeing Nelly Home». So endete mein Aufenthalt im warm- herzigen Liechtenstein. Auch ich fühlte bereits Heim- weh nach dem Land, das ich im Begriff war zu ver- lassen. Vielleicht hat Stevenson die Philosophie des Rei- sens begriffen; denn er formulierte es so: «Die Hauptsache ist es, die Bedürfnisse und auch das Wi- derborstige unseres Lebens zu erspüren. Herauszu- kommen aus unserem Federbett der Zivilisation und den harten Globus unter den Füssen zu spüren, auf dem geschnittene Feuersteine ausgestreut sind. Auch eine Ferienreise muss zuerst erarbeitet und verdient werden.» 236
        

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