Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
42
Erscheinungsjahr:
2007
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000266743/63/
Gemeinden sind eine kontinentaleuropäische Erscheinung, auch wenn sie in der Regel nicht jenen Grad von Autonomie und Autoke- phalie im Sinn Max Webers vorweisen können, wie Ingenried, das auch im Rahmen der Kleinterritorien sicher eher unter die Ausnahmen zu rechnen ist. In der Praxis etablierten sich oft Mischformen kommunaler und herrschaftlicher Kompetenzen, die sich gleichermassen in Dorford- nungen und Stadtrechten oder bei der Vergabe der kommunalen Ämter niederschlugen. Die europäische Gemeindebildung ist eine Erscheinung wesentlich des Spätmittelalters,14fällt also in die Anfänge der Ausbil- dung des frühmodernen Staates. Das gilt bekanntermassen für Mittel- und Oberitalien, wo die feudale Herrschaft der Bischöfe und des Adels mehr oder minder zusammenbrach. Als mächtige Welle bewegte sich die Kommunalbewegung nach Westen und erfasste den Süden Frankreichs. In manchen Gegenden Südfrankreichs verzehnfachte sich die Zahl der Orte mit Konsulatsverfassung während des 13. Jahrhunderts. Insgesamt brachte es Frankreich auf 40 000 Gemeinden.15Der Zeitraum der Kom- munalisierung in Spanien reichte von 1400 bis 1700, schliesslich hatten 75 Prozent aller Siedlungen den Status einer Stadt erreicht. Das waren in Zahlen 15 000 Munizipalitäten.16Im Heiligen Römischen Reich steigt die Zahl der Städte im Reich an, von 50 im Jahr 1200 auf rund 4000 im Jahre 1500, die Verdorfung der Weiler und Einöden folgt mit einer ge- ringen Phasenverzögerung von vielleicht einhundert Jahren.17 Europa bildete Gemeinden aus, die aus reiner Pragmatik und ohne jeden theoretischen Vorlauf entstanden und politisch etwas Neues her- vorbrachten – die autonome Verwaltung des Alltäglichen. Gemeinden seien, sagt der bedeutendste Verfassungshistoriker Frankreichs des 20. Jahrhunderts, Roland Mousnier, «corps naturel», naturwüchsige 65 
Alternativen zur frühmodernen Staatsbildung im Kleinterritorium 14Den nachfolgenden Ausführungen liegt zugrunde Peter Blickle, Kommmunalismus. Skizzen einer gesellschaftlichen Organisationsform, 2. Bd., München 2000. 15Jean-Pierre Gutton, La sociabilité villageoise dans l’ancienne France. Solidarités et voisinages du XVIe au XVIIIe siècle, Paris 1979 20, S. 163. 16Helen Nader, Liberty in Absolutist Spain. The Habsburg Sail of Towns, 1516–1700, Baltimore-London 1990. 17Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter, 1250 –1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1988. – Werner Trossbach/Clemens Zimmermann, Die Geschichte des Dorfes, Stuttgart 2006, S. 28 ff.
        

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