Kapitel 3 — Nationalsozialistische Bewegungen in Liechtenstein 3.1 Anschlussputschversuch Mit dem Anschluss Ósterreichs 1938 an das Deutsche Reich, grenzte Liechtenstein jetzt direkt an Hitlers Grossdeutschland. Mit dem Umsturz in Osterreich wurde auch die Lage im angrenzenden Liechtenstein plötzlich ernst. Gespannt blickte man nach Vorarlberg und beobachtete jede Änderung, die der Nationalsozialismus mit sich brachte. Zum Erstaunen der Liechtensteiner wurde in Feldkirch ein wahrer Freuden- und Fahnentaumel abgehalten. Überrascht darüber, was man in Feldkirch zu Gesicht bekam, drängten liechtensteinische Nationalsozialisten zur umgehenden Nachah- mung und somit dem Anschluss Liechtensteins ans Deutsche Reich. Die einheimi- schen Nationalsozialisten standen in Kontakt zur „Volksdeutschen Mittelstelle“ (VoMi) in Berlin, welche Anschluss-Szenarien für die Liechtensteiner entwickelte. Neben den Nationalsozialisten tendierten auch Teile der damals oppositionellen ,Vaterländischen Union” dazu, auf den Anschlusszug aufzuspringen. Arbeitsnot und Frustration über Ungleichbehandlung aus politischen Gründen drängte manchen Oppositionellen in diese Richtung.” Am 15. März 1938 wurde in einer ganztägigen Landtagsdebatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Zukunft des Landes beraten. Mit Ausnahme des damaligen VU-Präsidenten, Dr. Otto Schädler, sprachen sich alle Abgeordneten klar für die Wahrung der Selbständigkeit des Fürstentums aus.” Nach diesen Beschliissen erhitzten sich die Gemiter der einheimischen National- sozialisten und sie gründeten eine eigene Partei, die , Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein". Einzelne Führer dieser Partei standen in Kontakt zu den National- sozialisten in Vorarlberg, unter anderem zu den militanten Verbänden Sturm- abteilung (SA), Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps (NSKK) und zur Hitlerjugend (HJ), mit welchen sie gemeinsam einen Putschplan für das Fürstentum Liechtenstein ausarbeiteten. Der Plan sah vor, dass die liechtensteinischen ,Volksdeutschen" in Vaduz einen Zusammenstoss mit den Anschlussgegnern provozieren, worauf die liechtensteinischen Nationalsozialisten ihre vorarlbergischen Kammeraden um Hilfe 20 Geiger, Peter: Kriegszeit — Liechtenstein 1939-1945, Bd. 2. - Zürich : Chronos, 2010, S. 104-133. n Geiger, Peter: ,Die Rolle Feldkirchs und Vorarlbergs für Liechtenstein [...].", in: Rheticus Feldkirch 1998, Bd. 3, S 12 14