und ging eilig in sein Kabinet, auS dem er nach wenigen Mi- nuten mit folgendem Briefchen herauskam: «Hochgeehrte Frau! Ich kann Ihre Kündigung nicht an- nehmen. Indem ich auS Ihren Zeilen erfahren, daß Sie un« gern die Wohnung verlassen und nur Rücksicht für mich Sie zu diesem Schritte bewegen mochte, würde ich ein Barbar sein, wenn ich die hochherzigen Intentionen sowohl Ihrer Trauer, wie Ihres Benehmens mir gegenüber nicht besser achtete, als daß ich Sie, durch eine allerdings bei mir tief gegründete Ei- genheit, aus dem Ihnen liebgewordenen Quartier vertriebe. Ich bitte Sie also inständigst, nicht auf Ihrem Entschluß beharren zu wollen. Sie würden mich im Falle der Weigerung, verehrte Frau, um Sie nicht auS meiner Nähe zu verlieren, veranlassen, einen ebenfalls bei mir schon seit längerer Zeit gereiften Ent 172 schluß zur Ausführung zu bringen." „Und waS willst Du thun?" fragte ich scheinbar argloS — denn nur ein Blinder hätte nicht gesehen, wie sein Herz an dem Vis-ä-vis hing. „Sie Heirathen! Du schwerbegreifender Mensch. — ES wäre mein einziges RettungSmittel — dann muß sie die Trauer ablegen und bleib? in meiner Nähe." „Glaubst Du, daß sie wieder heirathet?" entgegnete ich im Tone des Zweiflers. „Dem Muthlgen gehört die Welt!" rief Laver — und der Brief ging ab. ES verstoß kaum eine halbe Stunde, als wir schon sol- gende Antwort erhielten: „Mein verehrter Herr! Ich muß auf meinem Entschluß bestehen. Der letzte Satz Ihres werthen Briefes ist mir ganz unverständlich Meine Weigerung, verehrter Herr, schließt aber durchaus keine Verminderung der Hochachtung in sich, die ich für Sie fühle und stets gleich fühlen werde. A. B." „Jetzt geht der Sturm loS!" sagte mein Freund, in seine frühere Jovialität zurückfallend. Nach kurzer Zeit brachte Haline ein zweites Schreiben £a* ver'S in das HauS vis-a-vis Es lautete: „Hochgeehrte Frau! Da eS mir unmöglich ist, persönlich vor Zhnen zu erscheinen, muß ich wieder zu der leblosen Feder meine Zuflucht nehmen; ich hoffe aber, daß die Ueberzeugung von meiner Aufrichtigkeit mir die Macht deS lebenden Wortes bei Ihnen ersetzen wird. Ich mache nicht gern Phrasen. Die Sprache deS Herzens ist die kürzeste. Ich liebe Sie, verehrte Frau, und halte um Ihre Hand an. Sie werden in mir einen Mann finden, der, trotz mancher Sonderbarkeiten, der Liebe einer Frau werth ist. Sie in jeder Hinsicht glücklich zu sehen, wird daS Hauptziel meines Lebens sein. Eine direkte Zusage darf ich in Ihrer Stellung von Ihnen nicht erwarten. Wenn Sie aber, verehrte Frau, die Trauer, die Sie selbst für einen so edlen Menschen, wie unzweifelhaft Ihr verstorbener Gatte war, sicher lange genug getragen haben, ablegen werden, so werde ich dies als ein Zeichen betrachten, nicht ganz ohne Hoffnung sein zu dürfen ..." Auf diesen Brief folgte natürlich keine Antwort. Die junge Frau ließ sich auch fast acht Tage lang gar nicht sehen und erst jspäter erfuhren wir, daß sie AbendS oder.NachtS zum Kirchhof ging ;und viel dort geweint habe. Da eines TageS erschien sie wieder und — o Wunder! — sie trug eine weiße Halskrause. Den nächsten Morgen war aber diese wieder ver- schwunden. Dann erblickten wir sie mit einer grauen Pelerine und diese blieb, wahrscheinlich der kühlen Witterung wegen. Die weiße Halskrause erschien wieder und blieb — weiße Man 172 schetten — weiße Unterärmel ließen sich zaghaft sehen und blie- den. Ein grauer Hut wagte sich an das Tageslicht, ein graues Kleid — am nächsten Tage freilich warf das schwarze Kleid wieder den alten trüben Schatten. Allein daS graue kam wie 172 der — und blieb. Helle Handschuhe lächelten einst plötzlich über die Straße. DaS weiße Mousselinkleid mit den grünen Blättern schien jetzt sogar im Hause herumzuspuken. Die Trägerin hielt sich jedoch so im Hintergrund deS Zimmers, daß unsere vor» trefflichsten Fernrohre sie.nicht sicher erreichen konnten Plötzlich zeigte eS sich aber unleugbar einen Augenblick,am Fenster — nur einen kleinen Augenblick, für Laver indeß vollständig lange genug! Sofort ergriff er seinen Hut u. eilte über die Straße. Welche Scene sich nun drüben abspielte, das auszuplaudern, dürfte von mir — ^selbst wenn mir Laver AlleS haarklein er- zählt hätte — nicht allzu diskret sein. Der geehrte Leser bat ja seine Phantasie so gut wie ich und wenn er sich sagt, daß die junge Wittwe meinen Freund längst im Stillen geliebt habe, so wird dies nicht bloS ein leeres Spiel seiner EinbildungS- kraft sein. DaS fernere Schicksal der beiden Leute ist leicht zu errathen. ES gibt wohl keine Frau, die einen liebenswürdigeren u. edel- herzigeren Gatten hätte, als Amalie Boneveldt in meinem Freund Laver. Er wiederum verbirgt sein ^ilück unter Scherzen und verkehrt mit seiner jungen Frau heute noch wie in den ersten Tagen semer Ehe. Wenn der geneigte Leser sich etwa noch für meine Wenig- keit interesstren sollte, so muß ich ihm gestehen, daß die Furcht vor etwaigen Gehaltsabzügen mich kurz nach der Hochzeit La- ver'S mit inem Schnellzug in mein unbesoldetes Assessorenthum zurückeilen ließ. Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädler. Kornpreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 22. Jänner. Der halbe Metzen beste mittlere geringe fl kr. st 1 kr. fl. kr Korn 3 40 3 1 15 3 . 05 Roggen .... 2 80 2 1 60 2 50 Gerste o 70 2 50 2 30 Türken .... 2 80 2 50 2 20 Hafer ..... 1 70 1 1 60 1 50 Thermometerstand nach Reaumur in Vaduz. Monat Morgens 7 Uhr Mittags 12 Uhr Abends 6 Uhr Witterung. Jänner 20 + % -j— 3 + 2 hell . 21. + 4 + + 4 säst bedeckt „ 22. + 3% 0 + * trüb; Reg. Sturm > 23 — 1 -}- 2 4~ * trüb , 24. 0 + 5 + 5% halb hell, Föhnst. „ 25 + 3*4 + 5'/. + 3 trüb „ 26. +. + 3 % + 3 „ Reg. Sturm Telegrafischer.Kursbericht von Wien. 27. Jänner Silber 105.85 20-Frankenstücke 8.91 Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.