Landleute vielfach gegen Eulen, Uhu'S und andere Nacht- Vögel empfinden, nicht widerstehen, bemächtigte sich der Jungen, hie schon ziemlich stark und flügge geworden, und brachte sie um. An den darauf folgenden Abenden umkreiste, wenn der junge Bauer vom Felde heimkehrte, daS Eulenmännchen daS HauS; man achtete indeß nicht darauf. ÄS schien natürlich, daß der Bogel seine Flugübungen um daS Nest mache. Der Instinkt jedoch, der daS Thier leitete, war ein anderer: es iWerte auf den WöMr feiner Jungen. Fünf Tage lang tyachte der Bogel in der erwähnten Weife seinen Flug, ohne einen Angriff zu wagen, gleich als ob er sich erst zu demselben Hben wolle; am sechsten erst, als der Bauernjunge eben au§ y-m Gehöfte trat, stürzte sich haS wßtheyde Thier auf ihn und tiß ihm mit einem heftigen Griff feiner Krallen daS linke Auge ^ast aus. Der Bauer stieß rasend vor Schmerzen einen ver? zweifelten Schrei aus und fiel bewußtlos zu Boden; sein An- greiser aber war schyn weis weggeflogen. Der Verwundete Gar ig. §inM jäWnerljchpn Zustande. Als ihn ^ags darauf der Arzt untersuchte, fand sich, daß ihm die AriS in ihrer KängSrichtung von der Kralle des Bogels aufgerissen war. Wäre sie ein wenig tiefer eingedrungen, fo wäre ihm der Aug- apfel ausgerissen worden Die schwarze Dame. Novellette von Rosenthal-Bonin. (Fortsetzung.) „Wie, Du sprichst jetzt von solch düsteren Dingen?" fragte ich ein wenig verwundert, „Du kennst doch Deine frühere Htgenthümlichkeit in diesem Punkte?" „DaS dumme Geschöpf," erwiederte er, eifrig werdend,— „bringt mir ja täglich vor Augen, waS ich nicht sehen mag. Ich habe in Paris zuletzt zehnmal in drei Monaten meine Wohnung gewechselt, um nicht an den schrecklichsten Mißklang unserer ganzen Weltordnung erinnert zu werden — darum habe ich fast zwei Zahre herumgesucht, bis ich ein Plätzchen gefunden, daS mir dergleichen traurige Gedanken nicht mehr erwecken sollte, um nun doch zu guter Letzt von einer über- Kannten Frauensperson genarrt und gefoltert zu werden! ES ist ein höhnisch lächerliches Schicksal, daS mich verfolgt! All- überall, wo ich auch nur den Fuß hinsetze, begegnen mir die düsteren Zurüstungen zu diesem für mich unversöhnlichsten, gräßlichsten Akt unseres Daseins. Ich kann sicher sein, wenn eine Straße aller menschlichen Berechnung nach bisher von der- gleichen Trauergeschichten weit entfernt gelegen hat, sowie ich hineinziehe, legt man in ihrer Richtung einen Kirchhof an, etablirt sich in meiner Nachbarschaft eine Grabsteinhandlung, eine Gießerei von Kreuzen u. Grabschiloern, hängt eine Trauer- Putzmacherin ihre Flore auS, präsentirt vor meinen Augen eine Blumenhandlung ihre mißfarbigen dustlosen Waaren, zieht mir ein Küster gegenüber, der die schwarzen Tücher aufzubewahren hat, oder gar etablirt man im Hinterhaus ein Sargmagazin. Endlich, endlich nach langem Ringen habe ich mir eine Hei- math geschaffen, wo ich still, friedlich und von dergleichen un- berührt zu leben geglaubt habe — da taucht plötzlich mir ge 172 genüber ein verrücktes Frauenzimmer auf, das mich ennuyirt, peinigt und ärgert." „Ueberfpannt uyd verrückt?— Pu scheinst Dich um diese Missethäterin näher bekümmert zu haben, was?" „Allerdings, und eS wird Dir einleuchten, warum. Seit einem Jahre ist ihr alter Eheherr glücklich im Himmel, und yach wie vor trauert sie, als hatte er diese schöne Reise erst gestern unternommen, und trippelt alltäglich zum Kirchhof mit allen möglichen Trauerutenstlien beladen — und immer macht sie eS so, daß ich eS sehen und bemerken muß." Ii - „Und woher weißt Du, daß sie nicht bald die Trauer ab- legen wird?" „Ich habe sogleich am ersten Tage dieserhalb bei ihr fpio« niren lassen, aber das unsinnige Geschöpf hat geäußert, ihr Mann sei ihr wie ein Vater gewesen und nie, nie werde sie die Trauer ablegen!" „Hast Du sie denn früher nicht bemerkt?" „Nein! hätte ich sonst hier bauen lassen, ohne nicht erst alleS zu versuchen, sie auSzuquartiren? — DaS HauS gehört? ihrem Manne, bei der Erbtheilung ist eS ihr zugefallen uny erst seit dreijTagen macht sie mir mein HauS unbehaglich, un- wohnlich und die ganze Gegend trübe und mißfarbig." „Ich glaube fast. Du wärest närrisch genug, dieser Ma- rotte wegen dieses reizende kleine Paradies zu verlassen?" „Nein, ihr zum Trotze thu' ich'S nicht! Mir gefällt'S hier. Ich habe dreimalhunderttausend Franken verbaut. Die Gegend, die Lage deS Hauses, das Klima, der ländlich-siädtische Cha- rakter dieses StadttheileS — alles behagt mir und ich weiche diesem kindischen Geschöpf entschieden nicht." „Wenn sie nun aber sagte, Deine Furcht vor Kirchhöfen und waS damit zusammenhängt sei gänzlich unmotivirt, eine kindische Grille — ?" „Dann würde ich ihr eine Geschichte erzählen, die ihr b?« weisen wird, wie sehr motimrt meine Abneigung gegen derar- tige Orte für mich ist." Natürlich drang ich in meinen Freund, mir diese Geschichte, anzuvertrauen, u. er begann also: „Ich war noch ein kleiner Knabe, höchstens zwölf Zahre alt. Meine Eltern wohnten BS der Seite eines ziemlich langen Kirchhofes, der damals nicht eine Spur von Schrecken für mich hatte; drüben über dem Kirchhof war eine Straße, die zum Friedhosthor führte Ich hatte mich eines Abends verspätet, wollte nicht, um nach Hause zu kommen, den Kirchhos umgehen, sondern lief quer drüber, fort, bis mich noch eine nicht sehr hohe Mauer von unser« Wohnung trennte. Um diese Mauer zu übersteigen, trat ich kleiner Bursche auf eines der alten ^räberl in dem Augenblick, als ich mich mit den Füßen abschwingen will — meine Hände hatte ich auf der Mauer — entsteht unter mir im Grabe ein lautes Gepolter; eS faßt mich Schreckerstarrten etwas an dem einen, dann an dem anderen Fuß und zieht mich tief in daS Grab hinein. Ich fühlte die kalte Erde schon an meinem Leibe, als ich die Besinnung verlor — am anderen Morgen werde ich von meinen angsterfüllten Eltern auf einem eingesunkenen Grabe liegend, halb in der Erde steckend, aufgefunden u. nach Hause gebracht, wo ein heftiges Nervensieber mich befällt. — Siehst Du," schloß mein Freund ziemlich ernst, „seit der Zeit haben meine Nerven eine eigene krankhafte Disposition bekom- men und Du wirst meine Abneigung gegen all dergleichen Er* innerungen jetzt wenigstens nicht durchaus kindisch finden. — Himmel und Hölle! da ist sie schon wieder!" Wir waren während 'deS Gespräches aus dem Treibhaus gegangen und zu einer Art Hügel im Garten gelangt, von wo auS man eine hübsche Aussicht über einen Theil der Villen- ftraße hatte. Neugierig folgte ich bei diesem AuSruse den Au- gen meines Freundes und gewahrte eine in tiefstes Schwarz gekleidete junge Dame mit niedergeschlagenen Augen, feinem höchst anziehendem Gesicht und der zierlichsten Gestalt, einew Jmmortellenkranz in der Hand tragend, wie sie auS dem Hause gegenüber tritt und die Straße entlang schreitet. „Nun sage mir," fährt mein Freund fort, „ist daS nicht wirklich Mißgeschick?" „Weißt Du," entgegnete ich, „waS mir zumeist bei diesem Mißgeschick auffällt? — Erstens, daß Du die Dame stets be- merkst; sie wird doch wohl nicht den ganzen Tag ein- u. auS- gehen? Zweitens, daß Du so fest im Pedächtniß behalten bast, wie sie um einen alten Ehemann, de» sie einem Bater gleich verehrt, trauert. Drittens, dgH Du ihr nicht weichen willst.