568 8. KAPITEL: EINFÜHRUNG DES EWR- UND DES WIRTSCHAFTSVERTRAGSRECHTS Ausgangslage Die Regelungen, die in Art. 8 LV in Bezug auf die Tätigkeit der (for- mellen und materiellen) Auswärtigen Gewalt getroffen werden, gel- ten für das ‚reguläre’ Verfahren der Einführung des Völkervertrags- in das Landesrecht. Ihr Gegenstand sind Sachverhalte, in denen es zum Abschluss oder zu einer Änderung oder Ergänzung völker- rechtlicher Verträge in Form von Primärrecht kommt. Das Ergebnis einer Durchführung dieses ‚regulären’ Verfahrens besteht in völker- rechtlichen Bindungen in Form von Staatsvertrügen einerseits und von Verwaltungsvereinbarungen andererseits. Im Rahmen der beiden Integrationssysteme, in denen sich Liechtenstein unter dem EWRA ebenso wie unter den Wirtschafts- vertrágen befindet, ist die Ausgangslage eine andere: Während der Geltungsdauer dieser Vertragswerke hat Liechtenstein in regelmà- ssigen Abständen Sekundärrecht in Prozessen zu übernehmen, die sich von einem Abschluss bzw. von einer Änderung oder Ergänzung von Primárrecht im ,reguláren' Verfahren des Art. 8 LV unterschei- den. Diese Prozesse werden in diesem Kapitel als irreguláre' Verfah- ren bezeichnet. In ihnen kommt es zur Einführung mehrerer tausend ,auslándischer' Rechtsvorschriften in Form von EWR-Rechtsakten ei- nerseits und in Form von Schweizerischen Rechtsvorschriften ande- rerseits. In seiner Gesamtheit übersteigt dieser Rechtsbestand jenen des Landesrechts um ein Mehrfaches®68, Im Gegensatz zur Einführung des EWR-Rechts, und zwar so- wohl des EWR-Primär- als auch des EWR-Sekundärrechts, das sich — Beispielhaft sei auf das Grôssenverhältnis zwischen dem Landes- und dem Wirtschaftsver- tragsrecht hingewiesen: Während Batliner (Integration) S. 7f für das Jahr 1977 die ,etwa 475 liechtensteinische(n) Gesetze und Verordnungen“ den in Liechtenstein aufgrund der Wirt- schaftsverträge zu diesem Zeitpunkt geltenden 420 Schweizerischen Rechtsvorschriften ge- genübergestellt hat, stehen heute (Stichtag: 31. Oktober 2002) den rund 910 Grunderlassen des Landes- rund 1070 Grunderlasse des Wirtschaftsvertragsrechts gegenüber (unter dem Begriff der ‚Grunderlasse’ werden hier die ursprünglichen formellen Gesetze und Verordnun- gen bzw. Bundesgesetze, Bundesbeschlüsse und Bundesratsverordnungen verstanden, d.h. ohne spätere Änderungen und Ergänzungen). 132