Pendeln zwischen zwei Welten oder die Wände hier und dort – Zuggedanken Sabine Kranz Die Fahrt nach Liechtenstein ist wie ein Lupeneffekt: Wenn man nach der Grenze in Basel durch die kleine Schweiz fährt, werden die Einfa mi - lien häuser grösser und solider. Und dann, im ganz kleinen Liechtenstein, wo kein Zug hält, scheint noch mehr Platz zu sein. Es gibt keine Vororte, keine verkommenen Sozialwohnungen, sel- ten Fussgänger. Die Natur ist überwältigend. Früher meinten die Leute im Dorf, Frankreich sei ein schmutizges Land und die Franzosen dreckig. Heute würde man mit Dreck vermut- lich die Umweltverschmutzung bezeichnen. Liechtenstein ist ein sauberes Land. Die Menschen geben sich Mü - he, ihre Gärten in Ordnung zu halten. Ihre Häuser sind gepflegt. Sie se- hen innen meistens so aus, wie sie das von aussen versprechen. In Paris ist das nicht der Fall. Hinter schmuddeligen Fassaden ver- bergen sich oft glänzende Wohnungen oder umgekehrt. Auch wenn die Innenräume neu sind, gibt es nicht dieselbe Art von Sauberkeit, oder besser Gepflegtheit, wie hier. Es geht dort weniger darum, Räume zu ge- stalten, um sich die regelmässigen Putzarbeiten zu erleichtern, als sich eine eigene Welt zu schaffen und von den vielen äusseren Einflüssen ab- zuschirmen. Die Sauberkeit bleibt Krankenhäusern oder Kinderkrippen vorbehalten und gehört nicht unbedingt zum Erscheinungsbild eines ko- ketten Wohnbereiches. Reinigungsarbeiten werden oft Schwarzarbeitern überlassen und von der schwindenden Anzahl von Hausfrauen nur un- gern und im Extremfall erledigt. In Liechtenstein gehört die Sauberkeit zum Image und festigt die Idee einer intakten, wenn auch gebändigten Natur. Das Bestreben nach einem möglichst natürlichen Umfeld spiegelt sich direkt in den hiesigen Innenräumen. Gerne wird Holz für Decken und Böden verwendet. Über haupt zieht man Materialien, die einen natürlichen Charakter über- mitteln, Kunststoffen vor. Dasselbe gilt für die Form bzw. die Erschei - 55