Geschichtliche Forschungen und Publikationen Eine Möglichkeit zur Identitätsfindung in Liechtenstein Klaus Biedermann Inwieweit hat die Geschichtsforschung und -schreibung zu einer «liech- tensteinischen Identität» beigetragen? Hier müsste sogleich die etwas ketze rische Frage gestellt werden, ob es denn überhaupt eine spezifisch «liechtensteinische Identität» gibt. Auf die zuerst gestellte Frage nach dem Beitrag der Historiographie zur Identitätsfindung fällt die Antwort relativ leicht, währenddem die zweite Frage weitaus schwieriger (und unvollständiger) zu beantworten ist. Die erste Frage steht auch mehr im Zentrum der folgenden Ausführungen; es wird sich zeigen, dass damit die Frage nach einer genuin «liechtensteinischen» Identität ebenfalls an- satzweise beantwortet werden kann. Der Begriff «Geschichte» beinhaltet einerseits das «Geschehene», Ver gangene und Unwiederbringliche; andererseits ist «Geschichte» et- was, das sich kontinuierlich weiterentwickelt: Geschichte ereignet sich, «geschieht» immer wieder von neuem. Ein sich verändernder Blick win - kel auf das Geschehene offenbart stets neue, bisher unentdeckte Facetten der Vergangenheit. So gesehen kann die Erforschung der Geschichte re- spektive des Vergangenen niemals zu Ende sein. Und neue Forschungs - methoden relativieren beziehungsweise erweitern bisherige Erkennt - nisse. Genauso wie «Geschichte» ist auch «Identität» etwas, das sich in ständigem Fluss befindet: «Identität» verändert sich und muss immer wieder neu definiert werden.1 Ein frühes wichtiges Zeugnis einer persönlichen und lokalen Iden - ti tät in Liechtenstein stellen die handschriftlichen Aufzeichnungen des 22 1Zur Relativität und Vielschichtigkeit des Begriffs «nationale Identität» siehe auch Alicia Längle: Die nationale Identität Liechtensteins. Eine Momentaufnahme. In: Arthur Brunhart (Hrsg.): Liechtenstein und die Revolution von 1848. Umfeld – Ursachen – Ereignisse – Folgen. Zürich 2000, S. 137-152.