LIECHTENSTEIN: «... EIN VOLKLEIN VORSTELLEN » ernd. Seit 1862 fand es in der Verfassung eine feste, 1921 erweiterte Grundlage. Indes blieben Eigenbewusstsein, Identität und Selbstwert der Liechtensteiner nicht ungebrochen. Dies sei an geschichtlichen Situationen der Gefährdung und des Selbstzweifels gezeigt. Daraus wuchs jeweils auch neue Bestärkung. 1696: Sich von der Herrschaft ganz loskaufen? Weil die zwei Landschaften unter der Schulden- und Willkürherr- schaft der Grafen von Hohenems unerträglich litten, erreichten sie beim Reich und beim Kaiser auf dem Rechtsweg, dass der Landesherr entsetzt, das Land von einer kaiserlichen Kommission verwaltet und die zwei Herrschaften schliesslich einem neuen Landesherrn, dem Für- sten von Liechtenstein, verkauft wurden. Dieser im Grunde unerhörte Vorgang illustriert, wie die Bevölkerung sich als handelnde politische Körperschaft verstand. Im Zuge jenes langjährigen Ringens erörterten die Vertreter der Landschaft von Vaduz und Schellenberg einmal auch die Frage, ob man sich nicht durch «Loskauf der Herrschaftsrechte» gänzlich frei machen wolle. Der durch Schulden und Reich bedrängte Graf von Hohenems hätte sich dazu bereit erklärt. Die nötigen Sum- men glaubte man auftreiben zu können, wenn die ganze Landschaft sich verbürgte. Dann hätte man keinen Landesherrn mehr über sich ge- habt. Das Gebiet wäre eine kleine, freie Landsgemeinderepublik ge- worden. Das hätte aber auch gänzliche Trennung vom Reich bedeutet. Aus Angst, ohne Verbindung mit stärkeren Staaten bliebe das Recht des Kleinen schutzlos, liess man die Freikauf-Idee fallen. Dennoch scheint jene Alternative damals für viele verlockend gewesen zu sein, ging doch später die Sage, der Landammann, welcher sich am meisten gegen den Loskauf gewandt hatte, müsse, weil er dem Wohle des Volkes zuwider- gehandelt, aus dem Grabe zur Nacht übers Land herauf reiten.?° 1848: Revolutionäre Alternativen, deutsche Orientierung, Selbstzweifel Im Zuge der ab dem März 1848 auch die Liechtensteiner erfassen- den revolutionären Bewegung sah man im «Ländchen» verschiedene Alternativen zum Bestehenden. Einzelne wollten sich der Schweiz, die 20 Kaiser, Geschichte (wie Anm. 16), 424f.