Politisches Wirken Unruhe entstand in Liechtenstein am 19. März 1848, als Reaktion auf die Vor­ gänge in Wien und Feldkirch. Der Landvogt bot den Gemeinden an, Ausschüsse zu wählen, diese könnten Beschwerden vorbringen. Wieder rief man Peter Kaiser zur Mithilfe. Er stellte als Bedingung für sein Mittun, dass jede Ausschreitung unterbliebe. Der Landvogt gestand ein, Kaisers Erscheinen habe Schlimmeres ver­ hütet. Kaiser lenkte die Revolutionsbewegung in ruhige Bahnen und sicherte ihre Zielrichtung. Die von den Gemeinden gewählten über lOOköpfigen Revolutionsausschüsse wählten einen dreiköpfigen Landesausschuss mit Peter Kaiser als dessen Präsiden­ ten und den Ärzten Dr. Karl Schädler und Dr. Ludwig Grass als Mitgliedern. Das Dreiergremium und die Ausschussversammlung verfügten in jenen Wochen über die eigentliche Autorität im Lande. Für die Ausschüsse entwarf Peter Kaiser die drei entscheidenden Adressen mit den Volksforderungen an den Fürsten." In einem von Kaisers Entwürfen heisst es selbstbewusst und warnend: "So ergreift auch uns die Bewegung, welche ganz Deutschland durchzuckt und an alle Throne klopft: Auch wir wollen eine freiere Verfassung, Entlastung des Grundeigenthums - wir wollen in Zukunft als Bürger, und nicht als Unterthanen behandelt sein."" Es gab für kurze Zeit - auch bei Kaiser - Überlegungen, das Land vom Fürsten zu lösen und zu einer selbständigen Republik zu machen. Einzelne dachten daran, diese dem neuen schweizerischen Bundesstaat als Kanton anzuschliessen. Man erkannte rasch, dass beides unrealistisch war, dass man auf den Fürsten angewiesen blieb und dass die Reformen eher mit ihm als gegen ihn durchzuführen wären/' Die Ziele von Kaiser, Schädler, Grass und anderen waren klar und konkret: Eine freie, liberale Verfassung sollte dem Volk Grundrechte, Mitwirkung bei der Gesetz­ gebung, Kontrolle des Staatshaushalts, öffentliche Gerichtsverfahren, Gemeinde­ autonomie sowie eine personell von Liechtensteinern besetzte Verwaltung ermög­ lichen. Die Hofkanzlei sollte ausgeschaltet, fürstliches Privatgut von der Landes­ verwaltung getrennt werden. Man wollte nicht mehr im österreichischen Schlepp­ tau, sondern "in der Einheit Deutschlands" und zugleich als "freies selbständiges Ganzes" existieren. Man wünschte eigene Gesetze, oder dann allgemeine deutsche, jedenfalls "nicht österreichische". Der Fürst sollte dringend den freien Wirtschafts­ verkehr mit den übrigen deutschen Staaten durch Aufhebung der Zollschranken erwirken." Fürst Alois II. gestand für die Zukunft das meiste zu und realisierte einen Teil der Neuerungen gleich." Die Ausschüsse wiederholten ihre Forderungen beharrlich und präzisierten sie laufend. Sie versicherten dem Fürsten auch, unter all den genannten Voraussetzungen würde das Verhältnis zwischen dem Volk und dem •* Adresse der liechtensteinischen Volksausschüsse an Fürsi Alois II. vom 22. März 1848 mit 112 Unter­ schriften, Adresse vom 24. März 1848 mit 113 und Adresse vom 21. April 1848 mit 116 Unterschrif­ ten. Die Originale liegen im HAL Wien, Kopien davon und Peter Kaisers Entwürfe im LLA in Vaduz; siehe Geiger 1970, JBL 70, S. 59-81 (dort S. 59 f. und S. 79 auch die Archiv-Aktennummern). " LLA Peter Kaiser Akten ad 265; abgebildet bei Geiger 1970, JBL 70, S. 61. 71 Vgl. Kind 1905, JBL 5, S. 27 f. - Moritz Menzinger, Die Menzinger in Liechtenstein, in: JBL 13, Vaduz 1913, S. 40.-Geiger 1970, JBL 70, S. 63, 70 f., 77, 128-131. " Adresse der Revolutionsausschüsse an den Fürsten, 24. März 1848, siehe oben Anm. 19. » Vgl. Geiger 1970, JBL 70, S. 65, 71-74, 82 f. 33