Peter Kaiser (1793-1864) Graubünden hatte sich ein Zirkel politischer Flüchtlinge gebildet. Der reaktionäre Staatstheoretiker Karl Ludwig von Haller monierte, dass es an der Bündner Kan­ tonsschule "von schlechten Professoren, Vagabunden und Flüchtlingen" wimmle. Gerade solche Lehrer jedoch brachten eine geistige Offenheit in den Kanton. Später galt Peter Kaiser als der »bedeutendste Lehrer und Erzieher aus Graubünden, der in Fellenbergs Anstalten gewirkt hat" und umgekehrt als "Verbreiter Fellenbergschen Gedankengutes" in diesem Kanton. Im Frühjahr 1824 erwog er die Möglichkeit, in Tübingen über "deutsche Ge­ schichte im Mittelalter" zu lesen. Vielleicht, spekulierte er, könnte er Extraordina­ rius werden. Allerdings sei es fraglich, ob die "heilige Theologie und ihre Professo­ ren" einen Privatdozenten von "so freier Ansicht" akzeptieren würden. Die Aspekte in Deutschland seien "trübe" Die demagogische Verfolgung spuke durch Europa, alles geschehe, bemerkt Kaiser zynisch, im Namen Gottes, und was "Gott thut, ist wohl gethan, und die Fürsten sind von Gottes Gnaden". In der Schweiz wiederum habe "der grossartige Anschein und Freiheitston" keine Aussichten und alles gehe "den philiströsen Schneckengang". Rede- und Pressefreiheit seien hier so "übel dran" wie in Deutschland. Seit Oktober 1824 schliesslich befand sich Kaiser in Aarau, das während der nächsten zwölf Jahre sein Wirkungsort blieb. Dort lehrte Kaiser zuerst Geschichte in einem "bürgerlichen Lehrverein" einer Art Volkshochschule politisch-staatsbür­ gerlicher Richtung. Führende Kopfe waren Heinrich Zschokke, der liberale Pfarrer Alois Vock, später auch Ignaz Paul Vital Troxler. Kaiser war zudem Mitarbeiter der in Zürich erscheinenden "Europäischen Blätter". Weitere publizistische Pläne wur­ den nicht realisiert. Seine materielle Situation blieb ungünstig. Das änderte sich Ende 1826, als er gegen starke Konkurrenz an der Kantons­ schule Aarau eine Anstellung als Professor für "Philosophie, Geschichte und latei­ nische Sprache" erhielt. Im September 1829 wurde er Rektor der Schule. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Aarau geriet Kaiser in eine schwierige Situa­ tion. Troxler hatte 1827 in einer Zeitschrift gegen die Kantonsschule polemisiert, was sich zu einer langjährigen Auseinandersetzung auswuchs. Widerpart Troxlers war Rudolf Rauchenstein, ehemals Lehrer bei Fellenberg und in Aarau Kopf jener Fraktion von Lehrern, der Kaiser angehörte und welche zwischen einem klerikal­ katholischen und einem liberalen Flügel stand. Troxler griff Kaiser, "Vaduzpeter" genannt, scharf an. Nicht zuletzt wegen seiner Herkunft und Religionszugehörig­ keit wurde er als "stadtbekannter Römling" verschrieen, obwohl bei ihm keine obskuren und ultramontanen Ideen zu entdecken sind. Er hatte sich in ironischer und sarkastischer Weise in den aargauischen Verfassungskampf eingemischt und gegen die radikale Politik polemisiert. Er wurde somit ein Ziel der radikalen Agita­ tion gegen die "altliberale und neuhumanistische Kantonsschule". Auch Troxler wandte sich gegen Rauchenstein und Kaiser, deren Liberalismus nichts mehr sei als "eine fade Brühe des juste milieu" Die "Neue Zürcher Zeitung" schmähte Kaiser einen "von Haus aus dunklen und pfäffischen Geist", einen Günstling des reform­ katholischen Pfarrers Alois Vock. Die Auseinandersetzungen gipfelten 1835 in der Reorganisation der Kantons­ schule, der gesamte Lehrkörper wurde nach politischen Kriterien neu gewählt. Die Bewerbung Peter Kaisers erfuhr keine Berücksichtigung. Er war, unterdessen 42jährig geworden, wieder an einer Schnittstelle seines Lebens angekommen. Kaum war die Nichtwahl in Aarau bekannt, erhielt er aus 21