Geschichtliche Grundzüge änderte sich ab 1938 kaum: Liechtenstein war als Annex der Schweiz allen­ falls mit dieser zusammen "aufzusaugen"51 oder eben wie die Schweiz noch nicht zu "schlucken".52 Liechtenstein konnte die Zwischenlage nach beiden Seiten nützen und dank der Randlage zur Schweiz - und trotz der Randlage zum Reich - vor den Klauengriffen des Dritten Reiches und des Krieges verschont bleiben. 3. Aussenpolitik des Fürsten Thronfolger Franz Josef übernahm Ende März 1938 energisch die Regie­ rungsrechte vom alten Fürsten Franz, besuchte fünf Tage später bereits den schweizerischen Bundesrat und meldete zugleich seinen Besuch bei Hitler in Berlin an. Dort wimmelte man ihn ein Jahr lang ab, bis Hitler und seine Paladine ihn und die Regierungspitze im März 1939 empfingen.53 Der Fürst suchte - zusammen mit Regierung und Koalitionsparteien - durch Anleh­ nung an die Schweiz und durch nichtprovokative Politik gegenüber dem Dritten Reich die Selbständigkeit des Landes zu bewahren und im Innern den nationalsozialistischen Einfluss gering zu halten54, im Reich und in des­ sen eingegliederten Gebieten des Protektorats aber auch seine Interessen als ausländischer Grossgrundbesitzer zu wahren.55 Hausinteresse und Staatsin­ teresse ergänzten sich. Die eigentliche, konkretere Aussenpolitik machte allerdings die Regierung, gelegentlich auch ohne Absprache mit dem Für­ sten. So wie auch Fürst Franz Josef vereinzelt allein Aussenpolitik betrieb, etwa als er im Hinblick auf das Kriegsende mehr Einfluss auf die Aussenpo­ litik zurückgewinnen wollte und daher 1944 - gegen den Widerstand von Regierung, Landtag und Koalitionsparteien - in Bern wieder eine Gesandt­ schaft eröffnen liess.56 51 Hitler sagte 1934 zu Hermann Rauschnine, die europäischen Neutralen würden "aufge­ saugt .. . Schritt für Schritt", zit. nach Jürg Fink, Die Schweiz aus der Sicht des Dritten Rei­ ches 1933-1945, Zürich 1985, S. 12. 52 Vgl. Klaus Urner, "Die Schweiz muss noch geschluckt werden!" Hiders Aktionspläne gegen die Schweiz, Zürich 1990. 53 Geiger, Liechtenstein im Jahre 1938, S. 20 ff. - Interview des Verfassers mit Fürst Franz Joser II. vom 19. Aug. 1988. - Carl, S. 438. 54 Carl, S. 458 f. 55 So nach Einverleibung des Sudetengebietes ins Reich 1938; LLA RF 190/344. - Geiger, Liechtenstein im Jahre 1938, S. 30. 56 LLA, Landtagsprotokolle vom 7., 14. und 21. Dez. 1944, alle nichtöff., ebenda Beilagen. - Hausarchiv des Regierenden Fürsten von Liechtenstein, Schloss Vaduz (HALV), Karton 630. 335