Amphibien/Pestizide Juni 1980 Amphibien sind stark gefährdet . . ... zum Beispiel durch Fischeinsetzungen in Kleingewässern Seit einigen Jahren beschäftigen sich die Naturschutzverantwortlichen ver- mehrt mit den Lurchen. Viele Arten gelten als Zeiger, wie es um unsere Umwelt steht. In der Schweiz wie in Liechtenstein ist festzustellen, dass die Bestände fast aller Lurchenarten rückläufig sind. Die Gründe sind u.a. in der Zerstörung oder Veränderung des Lebensraumes, in der Umweltbelastung durch Umwelt- verschmutzung, in der Einführung fremder Tierarten, im Strassentod oder in der direkten Verfolgung zu suchen. In Liechtenstein sind in der Bevölkerung vor allem die Strassenmassaker im Frühjahr besonders bewusst. Weniger bekannt ist, dass durch das Einsetzen von Fischen in Kleingewässern Wesentliches zum Rückgang der Amphibien beigetragen wird. Gerade dies ist in vielen Tümpeln und Kleinweihem Liechtensteins der Fall. Wir befragten Hansjürg Hotz vom Zoologischen Museum der Universität Zürich, Mitarbeiter an einer Studie über den Stand der Gefährdung der Lurche und Kriechtiere in der Schweiz und Beauftragter zur Erforschung der liechtenstei- nischen Reptilienfauna, über seine Meinung zum Problemkreis «Fischbesatz in Kleingewässern und Lurche». Müssen Strassenränder sauber sein? Früher waren unsere Wiesen bunter. Heute blühen im Frühling nur noch wenige Arten von Nutzpflanzen, vor allem Löwenzahn, Kerbel, Hahnenfuss und Wiesenschaum- kraut. Dies ist eine Folge der intensiven Bewirtschaftung unserer Felder. Standorte; an denen eine farbige Wildflora gedeihen kann, gewinnen deshalb immer mehr an Bedeutung. Gerade en Wegrän- dern kann sich eine reiche und für die Land- wirtschaft unschädliche Flora entwickeln, die zum ästhetischen und allgemein biologi- schen Wert der Landschaft beiträgt und zu- dem oft von wissenschaftlichem Interesse ist. Eine reichhaltige Flora bedeutet aber auch eine artenreiche Insektenwelt. Viele Insek- ten sind während eines wichtigen Teils ihres Lebensverlaufes auf spezielle Pflanzen an- gewiesen. Verschwinden diese Pflanzen, verschwinden mit ihnen auch die Insekten. Wir fordern vermehrten Schutz dieser ökologisch so bedeutsamen Wegränder! Dies will freilich nicht heissen, dass Weg- und Strassenränder nicht unterhalten wer- den müssen. Früher, heute sieht man es eher selten, hat der Wegmacher Strassen- und Wegränder mit Hacke und Schaufel in- standgehalten und die einwachsenden «Un- kräuter» entlang der Strassenborde von Hand entfernt. Heute werden, meist im Früh- ling, teilweise Totalherbizide versprüht, wel- che die Strassenränder «sauber» halten sol- len. Mit diesen Spritzen wird oft recht sorg- los und unüberlegtumgegangen. Oft wurden ganze Strassen- und Wegnetze von Gemeinden durchgehend mit Totalher- bizidlösung behandelt. Auf den steileren Strassenstücken kann die Lösung direkt in die Strassenschächte oder aber ins Kultur- land abfliessen. Zudem werden Zierpflan- zen und Blumenbeete von Privaten in Stras- sennähe ungebeten mitgespritzt. Da nun die Erde im Sommer nicht mehr durch Pflanzen- wurzeln zusammengehalten wird, beginnen in den sommerlichen Gewitterregen die Strassenborde an steileren Stellen zu ero- dieren. Die Imkerei ist durch das Giftspritzen be- droht! Wo immer möglich, ist eine mechanische Säuberung von Strassenrändern vorzuzie- hen, auch wenn dies etwas mehr Geld und Zeit kostet. Es ist verantwortungslos, ganze Wegnetze ohne Unterschied und massiv mit Chemikalien zu behandeln. Wenn überhaupt, sollen Herbizide nur ge- zielt, am rechten Ort, in richtiger Dosierung und zum rechten Zeitpunkt eingesetzt wer- den. Lassen wir im Zweifelsfalle einmal ein Weg- bord «unsauber». Verzichten wir auf den na- turfeindlichen Todesstreifen längs der Strasse. Auch hier kann weniger oft mehr bedeuten. D. h., wenn wir weniger tun, tun wir mehr für die Natur. Red.: Herr Hotz, anlässlich Ihrer Streifzüge durch Liechtenstein ist Ihnen sicher aufge- fallen, dass in kleinen Weihern und Tüm- peln des Landes fast überall Fische anzu- treffen sind. Sie wurden von gut meinen- den Leuten ausgesetzt, um den Erwachse- nen und Kindern Fische zeigen zu können, oder sie wurden allenfalls als günstige Auswuchsstätten für die «eigene Forelle blau» benutzt. Was halten Sie als Bearbei- ter der «Roten Liste der schweizerischen Amphibien und Reptilien» von solchen Fischaussetzungen; resp. sehen Sie eine Gefährdung für die weitere Tierwelt in die- sen Kleingewässern? Hansjürg Hotz: Ja. Die vom Menschen allent- halben in Kleingewässem eingesetzten Fische wirken zum Beispiel beim ständigen Rückgang unserer Amphibien wesentlich mit. Fast alle einheimischen Lurch-Arten wie Frösche, Kröten, Unken, Molche und Sala- manderlegen ja ihre Eier, den Laich, ins Was- ser ab und machen dort ein Larvenstadium durch, wobei sie wie Fische durch Kiemen atmen. Durch Räubern von Laich und Larven, aus- nahmsweise auch von erwachsenen Amphi- bien, und durch Nahrungskonkurrenz können nun eingeschleppte Fische ganze Lurchbe- stände nach einiger Zeit ausrotten. Fast im- mer ist der, Fischbesatz in Kleingewässern ziger ausgesetzter Goldfisch oder Karpfen kann den ganzen Laich eines Grasfrosch- paares - das sind immerhin etwa 3000 Eier - vernichten. Red.: Was für Verhaltensregeln würden Sie uns aus der Sicht des Naturschutzes empfehlen? Hansjürg Hotz: Ganz sicher muss alles un- ternommen .werden, um Fischaussetzungen in Kleingewässer, vor allem in natürlichen Tümpeln und Weihern, zu verhindern. Dazu ist zunächst nötig, dass die Bevölkerung selbst sieht, wie verheerend sich solche Fi- sche auf die Dauer füreinheimische Kleintiere auswirken. Man sprichtviel vom Ausrotten von Lebewesen; wieviel Unheil wir aber sogar mit dem «Gegenteil», dem Einführen orts- fremder Arten, anrichten können, vergessen wir oft. Wenn wir viele «herzige Fischlein» in einem Teich schwimmen sehen, so beobach- ten wir nicht Glieder einer natürlichen, ausge- wogenen Lebensgemeinschaft, sondern In- sassen künstlicher «ZooTümpel», aus denen die einheimische Kleintierwelt mehr und mehr verschwindet viel zu gross, als dass ein ökologisches Gleichgewicht möglich würde - Nahrung ist in einem solchen Weiher ja nicht beliebig viel zu finden. Auf die Dauer - nach einigen Lur- chengenerationen - schliessen sich darum Fische und Amphibien gegenseitig aus, und auch die übrige einheimische Kleintierwelt ist durch ausgesetzte Fische gefährdet. Red.: Welche Fischarten haben sich als besonders effektive Lurchenräuber ge- zeigt? Hansjürg Hotz: Goldfische, Karpfen, Elritzen, Forellen, Egli, Hechte und die aus Nordameri- ka eingeschleppten Sonnenbarsche. Ein ein-