Liecht. Umweltbericht, Dezember 1990 Seite 3 raturen können schädlich wirken. Deshalb ist das Wärmeverhalten eines Baustoffes ent scheiden. Biologische Baustoffe und beson- ders diejenigen, die oft mit dem menschlichen Körper direkt und auch indirekt in Kontakt kommen, sollten deshalb eine möglichst klei- ne oder ausgeglichene Wärmeleitfähigkeit aufweisen. So können Fussböden z. B. als fusswarm oder fusskalt bezeichnet werden, Eigenschaften, die nicht nur den Wohnkom- fort und Energieverbrauch, sondern auch die Gesundheit 'im allgemeinen weitgehend be- stimmen. (Vgl. nebenstehende Tabelle). Die grosse Gesundheitsschädlichkeit von nas- sen Wänden ist seit Urzeiten bekannt. Von unseren Eltern haben wir gelernt, dass ein Neubau immer über einen Winter austrock- nen sollte. Heute kann man sich das angeblich aus finanziellen Gründen nicht mehr leisten. Dadurch sind die Bewohner vielfach beim vorzeitigen Einzug in der Situation, in nasse, Häuser einziehen zu müssen. Die Trock- nungsdauer für eine 30 cm dicke Wand aus Ziegeln beträgt 252 Tage, aus Kalksandstein 1080 Tage, aus Schwerbeton 1440 Tage. Ze- mentmörtel benötigt erfahrungsgemäss eine zehnmal längere Austrocknungszeit als Kalk- Mörtel, nur 2 % mehr Wandfeuchte erhöht die Wärmeleitung, dadurch den Energiever- lust um 25 %. Umweltverträglichkeit Neben biologischen und technischen Quali- tätseigenschaften spielen auch ökologische und ökonomische Gesichtspunkte eine we- sentliche Rolle bei der Baustoffbestimmung für ein naturgerechtes biologisches Haus. Man könnte diesen Problemkreis als Umwelt- verträglichkeit der Baustoffe bezeichnen. Die Bedeutung dieses Kriteriums wird von Tag zu Tag grösser, da wir es uns kaum mehr lange erlauben können, Baustoffe in grossen Men- gen einzusetzen, die bei ihrer Herstellung zu viel Energie benötigen oder deren Fabrika- tionsmethoden die Umwelt zerstören. Aus diesen Gründen sind gewisse Baumaterialien in ihrer Verwendung als verantwortungslos zu bezeichnen. Der Herstellungsenergiebedarf bei einem Baustoff wie Holz ist ausserordent- lich optimal. Bauholz braucht bis zu seiner einsatzfähigen Herstellung dreimal weniger Energie als Backstein, zwanzigmal weniger als Eisen und hundertzwanzigmal weniger als Aluminium. Die Fabrikation von biologischen Baustoffen bzw. deren Umwandlung in bauseitig ver- wendbare Baustoffe belastet die Umwelt sehr gering. Allein die Herstellung von Stahl, Alu- minium, Glasfaserwolle, etc. bedingt einen sinnlosen chemischen Prozess mit all den not- wendigen Rückständen und Verwendung schwerwiegender chemischer Ausgangsstoffe. In bezug auf die Wertung als biologischer Baustoff ist ein weiterer Punkt, nämlich die Frage nach dem Schicksal von Baustoffen, nachdem diese ihren Dienst erfüllt haben oder unbrauchbar geworden sind, eine sehr entscheidende. Sämtliche biologischen Bau- stoffe, wie Holz, Ziegel, Kokosfaser, Lehm, etc. können nach ihrem Gebrauch ohne wei- teres in die Natur zurückgegeben, oder ihr selbst überlassen werden. Tatsache ist, dass eine Vielzahl sogenannter moderner. Baustof- fe nicht nur nicht recyclierbar (z. B. Stahlbe- ton), sondern auf Grund ihrer Materialeigen- schaften als Sondermüll zu qualifizieren sind und deshalb einer besonderen Lagerung be- dürfen. Dass die Verwendung von Baustoffen in der modernen Bauphysik, die einen gros- sen Energiebedarf in der Herstellung haben, und gleichzeitig bei Unbrauchbarkeit Sonder- müll darstellen, eine Sinnlosigkeit ersten Ranges darstellen, ist offensichtlich. ■ 10 Empfehlungen der Liechtensteinischen Gesellschaft für Umweltschutz (LGU) 1. Einbindung des Hauses in die Natur: Anpassung des Hauses/der Siedlung an die Gegebenheiten des Standortes und seiner eigenen Umgebung (klimatische und topographische Verhältnisse, Boden, Wasser, Luft, Pflanzen- und Tierwelt). 2. Nutzung natürlicher Ressourcen: Nutzung des Naturpotentiales -an Res- sourcen und Energie (Nutzung alternati- ver Energien und Verwendung natürli- cher oder weitgehend naturbelassener und regional verfügbarer Baustoffe). 3. Schaffung neuer Kreisläufe: Bildung von Kreisläufen- für Energie-, Material-, Wasser- und Lufthaushalt mit intern ausgeglichenen Bilanzen und har- monischen Wechselbeziehungen zur Um- gebung. 4. Vernetzung in die bestehenden Kreisläufe: Erreichung einer optimalen Wirkung und Stabilität im Haus- und Siedlungsbereich durch Vielfalt und Vernetzung mit den natürlichen Kreisläufen. 5. Multifunktionale Nutzungen: Schaffung dezentraler, selbstständiger Zellen durch multifunktionale Nutzungen -im Bereiche von Wohnen, Arbeiten, Freizeit, sowie der Ver- und Entsorgung. 6. Anpassungsfähige Wohn- und Siedlungsformen: -Schaffung menschengerechter Wohn- und Siedlungsformen mit individuellen, anpassungsfähigen und flexibel nutz- und erweiterbaren, den heutigen Gesell- schaftsformen (Familie, Kleinfamilie, Al- leinstehende und Senioren, Alleinerzie- hende etc.) entsprechende Wohnungen und Häuser.• 7. Biologische Baustoffe: Verwendung angepasster Baumaterialien ohne schädliche Ausdünstungen. Bau- stoffe, welche diffusionsfähig, elektrisch neutral und hydroskopisch sind• und nur geringe radioaktive Eigenstrahlung auf- weisen. 8. Berücksichtigung natürlicher Strahlungen: Anwendung atmungsfähiger, raumum- schliessender Bauteile und Bauelemente unter' Berücksichtigung der natürlichen und geobiologischen Strahlungsverhält- nisse und des Schallschutzes.' 9. Vermeidung künstlicher Strahlungen: Weitgehende Vermeidung haustechni- scher Einrichtungen und Installationen, die künstlich elektromagnetische Felder erzeugen oder weiterleiten. 10. Gesundes Raumklima, gesunde Heizung: Schaffung eines gesunden Raumklimas durch richtige Orientierung, durch Bau- stoffe und Bauteile mit einem ausgewoge- nen Mass von Wärmespeicherung und -dämmung sowie durch ein Heizsystem mit hohem Strahlungsanteil.