der Mittagspitze auf, flankiert von der senkrechten Felswand des Falknis. Das Mächtige aber wird ausgeglichen durch die Ebene des Tales, das sich vor unseren Augen weitet, durch die Ruhe der Linien mit dem Silberband des Rheines. Ein Bild der Harmonie und Erhabenheit, wie es nur wenige in solcher Schónheit gibt in den Tälern der Alpen. Aber erst das Schloß auf seiner Terrasse gibt ihm die Vollendung, das uralte Bauwerk im Reich der Natur. Es ist keine Monarchie der Erde, die weniger Bewohner zählt als Liechtenstein, und die Monarchen wohnen längst nicht mehr in alten Ritterburgen. Das ist der heimliche Zauber unseres Ländchens, daß es eine Erinnerung ist an alte, ferne Zeiten, die es sonst nur in Sagen und Geschichten des Mittelalters gibt. Und in Vaduz verdichtet sich diese Stimmung, denn über dem Dorfe thront auf dem Felsen das Schloß. So ist Vaduz zum Fremdenort geworden. Zuerst kamen Genießer, die im Gemäuer des verfallenden Schlosses den Wein schlürften, der im fürstlichen Weinberg wuchs. Heute entströmen sie den Autobussen, die hier Halt machen auf der Jagd der Urlaubsreise in den sonnigen Süden, und im Bummel durch das Dorf suchen sie etwas von der Stimmung zu erhaschen, die in unserer Heimat liegt. Sie lächeln ein wenig, wenn sie am Regierungsgebäude vorbeigehen und daran denken, daß in einem einzigen Hause ein Staat verwaltet wird; sie ent- decken vielleicht, daß Vaduz eine Hauptstadt ohne Bahnstation ist, und sie blicken zum Schlosse empor und den Bergen und fragen dies oder jenes über die Familie unseres Fürsten. Ansichtskarten, Briefmarken, die Zeit ist um, sie fahren weiter. So ist das Vaduz der Fremden. Und unser Vaduz? Unglaublich schnell ist die Entwicklung über uns gekommen. In einer einzigen Generation ist das Dorf aus bäuerlicher Einfachheit und Armut herausgewachsen zu einem modernen Gebilde mit Fabriken und Hotels, luxuriösen Geschäften und einem prächtigen Villenviertel am Berghang, mit Banken und Treuhandbüros. Eine moderne Stadt in Kleinformat, das ist heute Vaduz. Neubau über Neubau entsteht, und immer schneller wird das Tempo des Wachstums. Ein paar Zahlen sollen diese Entwicklung zeigen: Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte Vaduz 800 Einwohner, am Ende waren es etwa 1200 und dabei blieb es bis 1920, denn der erste Krieg brachte durch den Zusammenbruch der Industrie einen Rückschlag. 1930 sind es 1600 Bewohner, 1940 deren 2000, und heute ist die Zahl 3000 überschritten. 1200 Ausländer, über 900 Liechten- steiner anderer Gemeinden, 900 Vaduzer, das ist die Verteilung.