116 Knospe und Blume Ein Überblick über Malins Schaffen zeigt, wie — um es bildhaft auszudrücken - in Schleifen und Spiralen gearbeitet wird. Ein Thema, das früher einmal angegangen und dann aber lange verblieb, wird, durch irgendeinen Impetus veranlasst, wieder aufgenommen und vielfach variiert zu neuen Lósungen geführt, bis zu einem letzten Reifen — ohne dass damit ein definitiver Abschluss gesetzt wáre. Alles kann wiederkom- men, und so erscheint der Ablauf in Pulsationen. Um 1980 bescháftigt sich Malin wiederum intensiv mit der Knospe. Knospe, Blume und Frucht sind für ihn ein kôrperhaf- ter Ausdruck des unbesieglichen Lebens, das immer sich zum Lichte drängt, der Befruchtung sich öffnet und in den Frucht- samen sich verschenkt, um zu regenerieren. Aber Knospe, Blume und Frucht sind nicht nur Zustand, sondern sind Körper, die in der Zeit sich wandeln. Dem Thema des sich erneuernden Lebens verbindet sich das Thema des nicht wiederholbaren Vorüberzuges der Zeit. Die in glánzender Bronze sich prásentierende Knospe von 1978 ist im Stengel voll drángenden Saftes und in der Blüte schon bereit, sich zu eróffnen (88). Die Verbindung von phalli- scher Potenz und vaginaler Bereitschaft ist ausdrucksvoll gefasst. Gerade hier darf nochmals darauf hingewiesen wer- den, dass das Kunstwerk immer eine geistig-formale Überset- zung vom Naturding ist. Es wird darum Malin niemals um stili- sierte Naturabbildung gehen, sondern um eine Neubildung aus dem Wesen der Natur, die in sich uneinholbar selbst schón bleibt, in das Wesen des Werkes, das seine eigene Schónheit aus der Konsonanz mit der Welt und der Durchsichtigkeit auf die Welt gewinnt. So erkennt der Betrachter hier sofort die Knospe, und zugleich geniesst sein Auge, wie der Stempel als Tráger der Knospe als Sáule gestaltet ist. Die Varianten sind nie gross; in den Nuancen liegt das Ent- scheidende. Die erste Grosse Knospe von 1978/79 steht auf breiterem Fuss, steht fast wie ein Pokal (90); der Stengel ist wie ein stützendes Bauwerkteil segmentiert; der grosse Blü- tenkopf ist der Erfüllung seiner Aufgabe náher. A E 87 Skizze zu Grosse Knospe, 1980, Tuschfeder