106 Klassik Die Fünfstufige Stele von 1978 ist besonderer Art (79). Die bronzene Epidermis ist poliert; dem Gebilde haftet etwas an, das uns wie ein Herüberwehn aus dem Geiste der Antike anmutet. Hölderlins Patmos-Hymne ist nahe, wo der Dichter, aus Sehnsucht nach göttlicher Erfüllung, entrückt wird: «...in frischem Glanze, / geheimnisvoll / im goldenen Rauche blühte / schnellaufgewachsen / mit Schritten der Sonne / mit tausend Gipfeln duftend / mir Asia auf...» Georg Malin war in Griechenland. Ein Mensch mit sehenden Augen und für alles Schóne offener Seele wird von den Ein- drücken der Landschaften, der Tempelstátten und dem Lichte darüber erfüllt. Inmitten der Ruinen aus klassischer Zeit ste- hen Sáulen mit verschobenen Steintrommeln; solche Bilder sind unvergesslich und wirken nach, denn alles darf dem Künstler zum Motiv werden, wenn er es, in seine Formsprache einverwandelnd, zu eigenem Leben erweckt. Auch die Tordierte Stele von 1981 zeugt davon, noch eigener geworden (6). In den gedrehten Kannelüren rinnt — durch die spiegelnde Bronze verstärkt — das Lichte des hellen Tages. Dies ist klassisch-antikes Empfinden. Für den schönen Kopf (1981/82) aus griechischem Marmor hat das Gleiche zu gelten (80). Würdiger Ernst spricht aus dem Gesicht, stille Gesammeltheit, und die Augen blicken in abgeklärter Ruhe vor sich. In klassischem Kanon ist das Antlitz gebildet; seine ponderierte Tektonik wird auf erstaun- liche Weise durch die linear getreppten Flächen und Massen klar, nichts verhüllend, gezeigt. So kann nur ein heutiger Bild- hauer sein Erlebnis Antike formal interpretieren, wenn er, wie Georg Malin, die klassischen Sprachen und ihre Epen in sich präsent hat. Andere Arbeiten aus dem gleichen klassischen Umkreis schliessen sich an (87). Es ist, als ob Malin in ein werkendes Gespräch eingetreten sei, das erst ausklingen wird, wenn er es bis zur schönen Neige geführt hat. Alle diese kleineren Bronzen, das Tor von 1981 (82), der Gedeckte Tisch von 1959/70 (83), der Tisch von 1974 (84),