REZENSIONEN GEISTLICHE UND BAUERN gen. Diese sind dank des Bemühens, Sachverhalte aus den Zeitverhältnissen heraus zu beurteilen, ebenso aufgrund ihres quellenkritischen Ansatzes und neuer Fragestellungen immer noch sehr nütz- lich und brauchbar bei die Erforschung der früh- neuzeitlichen Geschichte des Bündner Raumes. Die Herausgeber haben sich deshalb ein Verdienst er- worben, zumal einige der Aufsätze an schwer er- reichbaren Orten publiziert worden sind. Die Ar- beiten stammen aus der Zeit zwischen 1930 und 1967 (posthum veröffentlicht), umfassen also die Zeitspanne seines ganzen Forscherlebens. Sie wei- sen Vasella gleichsam aus als einen Vorläufer der zeitgenössischen schweizerischen Mentalitäts- und Kulturgeschichtsforschung, die das «Denken und Fühlen des Menschen mit seinen Nöten und Pro- blemen als historische Faktoren in die Erforschung der Geschichte» einbeziehen will (S. VIII). Die wieder abgedruckten Artikel - der Titel des Sammelwerkes «Geistliche und Bauern» weist auf die zentralen inhaltlichen Schwerpunkte hin - be- treffen die Kirchen-, Bildungs-, Sozial- und Wirt- schaftsgeschichte. Sie gruppieren sich um die The- menbereiche: Biographische Forschung, Schul- und Bildungswesen, Klerus und Bistum, Reformati- on, bäuerlicher Widerstand, historische Statistik und Archivkunde. Die Biographien betreffen den Schulmeister Jakob Salzmann und seine Briefpart- ner Bruno und Bonifaz Amerbach, dann den Bünd- ner Reformator Johannes Comander, schliesslich den gelehrten Magister artium Erhard Koch, Arzt, Theologe und Astrologe des 15. Jahrhunderts. Aspekte des Bildungswesen behandeln die Stu- dien über «mittelalterliches Schulwesen in Grau- bünden», über die Stadt «Zürich als Bildungsstätte für Graubünden vor der Reformation» und das «Problem der Klerusbildung im 16. Jahrhundert». Andere Arbeiten behandeln Fragen der «bischöf- lichen Kurie», des «Seelsorgeklerus», der «kirch- lichen Statistik» (eine methodisch zukunftsweisen- de Studie), schliesslich auch der Problematik um den «Konkubinat des Klerus» und die «Priester- ehen seit der Reformation», die weit verbreitet wa- ren und von Katholischer Reform und Gegenrefor- mation stark bekämpft wurden. Eine zentrale Stel-lung nehmen die Studien ein, welche das 16. Jahr- hundert im Zusammenhang mit Reform, Reforma- tion und bäuerlichen Unruhen in der Schweiz und in Graubünden behandeln. Die Aufsätze befassen sich mit der «bündnerischen Täuferbewegung», mit «Bauernkrieg und Reformation» in Graubün- den, «Urkunden und Akten» zur Churer Reforma- tionsgeschichte und dem «1. Ilanzer Artikelbrief». Zwei Studien gelten den «Bauernartikeln von 1526», in denen Vasella das Vorhandensein demo- kratischer Tendenzen und einer gewissen lokalen Selbstverwaltung sichtbar macht. Ein anderes The- ma gilt dem «Bruch Bischof Paul Zieglers mit den Drei Bünden im Jahre 1524», womit Vasella das Phänomen der zunehmend schwindenden welt- lichen Herrschaft des Churer Bischofs und seiner Konflikte mit den Drei Bünden anspricht. Ein ande- rer Aufsatz behandelt den «bäuerlichen Wirt- schaftskampf und die Reformation in Graubün- den». Vasella geht darin (wie in weiteren Studien) den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Reformation in Graubünden nach. Schliesslich be- fasste sich Vasella im Aufsatz «Reform und Refor- mation in der Schweiz» mit den Anfängen der Glaubenskrise im 16. Jahrhundert. Neben den überregionalen und regionalen Bezü- gen bringen die Studien Vasellas auch Informatio- nen hinsichtlich der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg, und zwar im Bereich der kirchlichen Rechtsgeschichte, Pfarreibesetzungen, Reformation und Bauernunruhen des beginnenden 16. Jahrhunderts. Wir lernen etwa den Magister Jodok Neyer aus Schaan («J. Neyer de Schan») kennen, der nach dem Studium in Erfurt als Baccalaureus artium (1487) eine kuriale Laufbahn einschlagen hatte und 1509 als Kämmerer des Ruralkapitels Chur amtierte. 1513 finden wir ihn als Inhaber des wich- tigen Siegelamtes; als solcher macht er sich in den Akten durch seine «sehr wenig gepflegte Schrift» bemerkbar. Der Siegler leitete das gesamte No- tariatswesen der bischöflichen Kurie, das inner- halb der Diözese eine zentrale Stellung einnahm und durch Urteils- und Notariatsgebühren aller Art eine wichtige Einnahmequelle darstellte. Auch war 269