2.4.7. ARBEITSWELT «Nach einem rasanten Aufschwung in den letzten drei Jahrzehnten hat das industrielle Schaffen in Liechtenstein einen hohen Standard erreicht. Eine starke, leistungs- und wettbewerbsfähige Export- industrie ist zur wesentlichen volkswirtschaftlichen Basis geworden» (Kindle o. J., S. 107). Die Erwerbs- tätigen in Liechtenstein wurden für unsere Unter- suchung in zwei Klassen aufgeteilt, um zu sehen, ob höher qualifizierte Arbeiter mehr Hochdeutsch verwenden als weniger hoch qualifizierte. Der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskam- mer sind 31 Betriebe angeschlossen, die etwas mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigen. In den Banken, Versicherungen und Beratungsgeschäften arbeiten ca. 2600 Personen. Die Vorgesetzten die- ser 8600 Arbeitnehmer bilden die erste Klasse der Befragten, die zweite rekrutiert sich aus den der Gewerbe- und Wirtschaftskammer angeschlos- senen Mitgliedern, die ca. 7500 Mitarbeiter be- schäftigen.35 Für die Untersuchung konnten nicht alle Betriebe angefragt werden. Auf Grund der Kenntnis der Betriebsgrösse und Anzahl der Be- schäftigten wurde durch uns eine Auswahl getrof- fen. Die Differenz in der Zahl der versandten Fra- gebogen und der damit in die Untersuchung mit- einbezogenen Mitarbeiter ergibt sich aus der unter- schiedlich grossen Zahl von Gewerbe- und Indu- striebetrieben (Gewerbe- und Wirtschaftskammer: über 1000 Mitglieder; Industrie- und Handelskam- mer: 31 Mitglieder). Die Befragung der Vorgesetzten in den Betrieben Liechtensteins ergab, dass sowohl im persönlichen wie auch im geschäftlichen Bereich in Industrie und Gewerbe die Mundart vorherrschend ist. Sie wird grundsätzlich immer dann gebraucht, wenn der Kommunikationspartner die Mundart Liech- tensteins versteht, beispielsweise in den Arbeits- pausen, mit einheimischen Kunden, in Bespre- chungen, in Service und Küche, im Verkauf, auf der Baustelle, in der Werkstatt, im Büro, bei der Pro- duktion. Hochdeutsch wird generell immer dann gesprochen, wenn der Kommunikationspartner die Mundart nicht versteht oder allgemein im Kontakt mit Standardsprechenden. Hochdeutsch wird bei- spielsweise in Besprechungen mit technischem In- halt, bei Bestellungen aus Deutschland, im direkten Kundenkontakt, bei Verständigungsproblemen mit Ausländern, beim Anlernen von ausländischen Ar- beitskräften, im Verkauf, mit deutscher Kund- schaft, am Telefon mit Deutschen, in der Admini- stration, an der Rezeption, mit speziellen Kunden und allgemein mit ausländischen Mitarbeitern ge- braucht. Die Zahlen der Tabelle zeigen, dass eine Zweitei- lung der Arbeit in höher und niedriger zu qualifi- zierende Arbeit und deren Korrelation mit der Va- rietätenwahl nicht sinnvoll ist. In sämtlichen Ar- beitsbereichen benutzt der Liechtensteiner die Mundart, sofern der Kommunikationspartner diese versteht. Natürlich sind in den Banken und Indu- strien mit ihren internationalen Geschäftsverbin- dungen die Sprechsituationen bedeutend häufiger, in denen die Angestellten auf Hochdeutsch umstel- len müssen. Daraus ist zu folgern, dass die Fähig- keit der Angestellten im Umgang mit dem Stan- darddeutsch höher ist, als bei jemandem, der sehr wenig in Situationen kommt, in denen verlangt wird, Hochdeutsch zu sprechen. Teilnehmende Be- obachtungen können dies bestätigen. Wir beobachteten ausserdem im Hoch- und Tief- bau die Verwendung von Pidgin-Deutsch, den ver- stümmelten Gebrauch des Dialekts als Anpassung an morphologische und syntaktische Strukturen einer Fremdsprache. 172