MEDIZIN IN LIECHTENSTEIN IM 19. JAHRHUNDERT RUDOLF RHEINBERGER Acht Ärzteporträts Genau mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts hat die wissenschaftliche Medizin in Liechtenstein Ein- zug gehalten und die Ära der «niederen Medizin» und des Kurpfuschertums abgelöst. Im Jahre 1801 eröffnete der erste akademisch ausgebildete Arzt Gebhard Schädler seine Praxis in Eschen. Er wurde später Landesphysikus in Vaduz und regte als solcher im Jahre 1812 die Einführung der obli- gatorischen Pockenschutzimpfung an. Der um 13 Jahre jüngere Dr. Ludwig Grass zeichnete sich nicht nur durch sein ärztliches Kön- nen, sondern auch durch eine beispielhafte soziale Einstellung aus. Von grösster Bedeutung für die Zu- kunft der Jugend war seine Schenkung von 20 000 Gulden zur Gründung der Realschule in Vaduz. Grass wollte damit der raschen Entwicklung ins technische Zeitalter Rechnung tragen. Dr. Karl Schädler übernahm 1842 die Praxis sei- nes Vaters Gebhard und auch das Physikat. Als Arzt war er in allen Sparten auf der Höhe der Zeit. So führte er die erste Chloroformnarkose im Lande durch. Besonders tat er sich aber als Politiker her- vor. Zusammen mit Peter Kaiser stand er an der Spitze der Revolution von 1848. Er war Präsident des Verfassungsrates 1848, Nachfolger Peter Kai- sers im Frankfurter Parlament 1849, Vorkämpfer für die konstitutionelle Verfassung von 1862 und erster Landtagspräsident von 1862 bis 1871. Als Landesphysikus und als Landtagspräsident folgte ihm Dr. Wilhelm Schlegel, dessen Vater Dr. Hannibal Schlegel ebenfalls Arzt gewesen war, der aber nach wenigen Jahren ärztlicher Tätigkeit in Schaan einem chronischen Leiden erlag. Dr. Wil- helm Schlegel war ein gesuchter und beliebter Arzt. Weniger glücklich agierte er in seiner politi- schen Laufbahn, wo ihm ein durchschlagender Erfolg versagt blieb. Dr. Rudolf Schädler übernahm 1869 die Praxis seines Vaters Dr. Karl Schädler. Besonders ge- schätzt war er als Geburtshelfer. Schon mit 27 Jah- ren in den Landtag gewählt, zog er sich aber bald aus der Politik zurück. In dieser Zeit war er auch Herausgeber und Redaktor der von ihm gegrün- deten «Liechtensteinischen Wochenzeitung». Von grosser Bedeutung für Liechtenstein als Agrarstaat war die Gründung des «Landwirtschaftlichen Ver- eins» durch Dr. Rudolf Schädler. In den über 30 Jahren seiner Vorstandschaft wurden in der ge- samten liechtensteinischen Landwirtschaft, ins- besondere aber in der Viehzucht bedeutende Fortschritte erzielt. Noch viele kulturelle und volks- wirtschaftliche Aktivitäten, die Rudolf Schädler ent- wickelte, waren von bleibendem Wert für das Fürstentum Liechtenstein. Gegen 40 Jahre arbeitete Dr. Albert Schädler in der ärztlichen Praxis seines Bruders Rudolf als Partner mit. Von 1873 bis 1890 war er jeweils im Sommerhalbjahr als hochgeschätzter Kurarzt in Bad Ragaz tätig. Eine bedeutende Rolle spielte Dr. Albert Schäd- ler in der liechtensteinischen Politik. Durch volle 34 Jahre war er Landtagspräsident und als solcher an der Gesetzgebung dieser mehr als drei Jahr- zehnte massgeblich beteiligt, wobei er meistens selbst als Kommissionsreferent auftrat. Als konser- vativer Politiker distanzierte er sich von den nach dem Ersten Weltkrieg auftretenden liberalen Strö- mungen und legte sein Landtagsmandat im März 1919 nieder. Nur 35 Jahre alt wurde Dr. Peter Marxer aus Gamprin. Er hatte nach dem Studium an der Uni- versität Innsbruck in Bendern eine Praxis eröffnet und war nach zeitgenössischen Berichten ein kom- petenter Arzt. Obwohl in den Landtag gewählt, war es ihm infolge seiner tödlichen Krankheit nicht ver- gönnt, eine grössere politische Rolle zu spielen. Er starb im Alter von 35 Jahren. 165