GUSTAV RITTER VON NEUMANN FLORIN FRICK «Auch diese Stilrichtung (Neoromanik, Anm. des Verfassers) hat Friedrich von Schmidt Wesentliches zu verdanken, der sich am Ende seines Lebens ihr zuwandte und bedauerte, nicht nochmals beginnen und sich in ihren Dienst stellen zu können. Er war der Ansicht, dass die Romanik in ihrer Fortent- wicklung durch eine Abschwenkung unterbrochen worden war, bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hatte; vielleicht könne sie nunmehr noch zu einem solchen Höhepunkt geführt werden.»8 Gustav von Neumann wurde speziell von der letz- ten, der «romanischen» Phase Schmidts geprägt. Ein grosser Teil seiner Kirchenbauten kann als «neu-übergangsgotisch» bezeichnet werden, eine Stilform, die architektonische Elemente von Bauten des Übergangs von der Romanik zur Gotik, wie z.B. das Basler Münster, übernimmt. Schmidt war mehrfach für den Fürsten von Liech- tenstein tätig: - 1862: Restaurierung und Umbau des fürstlich- liechtensteinischen Schlosses Tischhorn, Bezirk Zell am See, Salzburg, erster Entwurf, Aus- führung 1866 bis 1870 - 1868: katholische Kirche St. Florin, Vaduz, Ent- wurf und Ausführung 1868 bis 1873. Werk und Person Friedrich von Schmidts erfuhren im Rahmen einer Ausstellung in Wien anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Todestages eine eingehende wissenschaftliche Bearbeitung, deren Wiedergabe den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Allein jedoch der Ausstellungstitel «Fried- rich von Schmidt, ein gotischer Rationalist» zeigt eine andere Betrachtungsweise. Günther Düriegl schreibt in der Einleitung zum Katalog: «Über Stuttgart, Köln und Mailand nach Wien gekommen, war dem Professor für mittelalterliche Baukunst an der Akademie für bildende Künste in Wien, dem Dombaumeister von St. Stephan, dem anerkannten Denkmalpfleger und dem freischaffenden Bau- künstler klare Präzision und verhaltene Festigkeit der Form letztes und eigentliches Ziel der Architek- tur. Erschien er seinen Zeitgenossen als der <gröss- te Gotiker der Neuzeit), so zeigt das nur, wie wenig sie ihn verstanden, weil er modern und weil er, um mit Worten seiner Zeit zu sprechen, unzeitgemäss war. Gegen die Einengung der Metaphern seiner Formensprache wandte schon er sich: <Wenn an mich die Frage gerichtet wird, in welchem Style das Rathaus gebaut sei, ob gotisch? - Ich muss of- fen bekennen, dass ich es nicht weiss! Wenn man mich früge, ob es im Style der Renaissance gebaut sei, so muss ich antworten, dass ich es nicht glau- be: Wenn aber irgend etwas charakteristisch für den Styl des Baues ist, so mag es der Geist der Neu- zeit im eigentlichen Sinne des Wortes sein, der sich voll in ihm ausspricht. Ich kann nur sagen, was ich angestrebt habe.> Damit aber folgte Friedrich von Schmidt den schon von Vitruv erhobenen Forderungen nach utilitas, firmitas und venustas eines Bauwerks, und damit bekannte er sich fraglos zu Vielfalt und Wider- spruch in der Architektur. Es sollte uns nicht schwer fallen, dieses Bekenntnis zu verstehen, da wir, der Moderne entwachsen, auch die Postmoder- ne bereits zu überschauen beginnen.»9 5) Gruber, Karl: Friedrich Ostendorf, Karl Weber und die Schäfer- stunde im Wandel der Generationen. In: Ruperte Carola. Heidelberg, 1961, Bd. 29, S. 137. 6) Bayer, Josef: Die Entwicklung der Architektur Wiens in den letzten fünfzig Jahren. In: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts. Hrsg. Paul Kortz. Wien, 1906, Bd. 2, S. 16. 7) Wagner-Rieger, Renate: Wiens Architektur im 19. Jahrhundert. Wien, 1970, S. 164. 8) a.a.O., S. 232. 9) Düriegl, Günther: Bemerkungen zu Friedrich von Schmidt - Ein Vorwort. In: Friedrich von Schmidt - Ein gotischer Rationalist. Hrsg. Peter Haiko und Renata Kassal-Mikula. Wien, 1991, S. 7. 301