ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS Einleitung Unmittelbarer Anlass für die Publikation des Rosen- baum-Plädoyers und der damit in Verbindung ste- henden Aufsätze ist eine gemeinsame Veranstal- tungsreihe der Vereine «Schichtwechsel» und «Lite- raturhaus», die im damals in Vaduz beheimateten «Literaturhaus» vom 4. bis 6. April 2003 stattfand. Diese Veranstaltungsreihe umfasste einen von Peter Kamber gehaltenen Vortrag über Wladimir Rosen- baum, eine Verlesung von dessen Plädoyer sowie die Aufführung eines Requiems von Hieronymus Schädler. Initiatoren der Veranstaltungen waren Hansjörg Quaderer, Schaan, und Norbert Haas, Va- duz/Berlin. Die Veranstaltungsreihe stand im Zeichen des Gedenkens an die jüdischen Geschwister Alfred und Fritz Schaie-Rotter, die vor genau 70 Jahren, am 5. April 1933, zusammen mit Gertrud Schaie-Rotter und Julie Wolff nach Gaflei entführt wurden. Ziel der Entführer war es, ihre Opfer der nationalsozialisti- schen Justiz in Deutschland auszuliefern. Den Ent- führten gelang es, zu entkommen und zu fliehen. Dabei stürzten Gertrud und Alfred Schaie-Rotter, gehetzt von liechtensteinischen und deutschen Na- tionalsozialisten, in den Felsen unterhalb von Gaflei in den Tod. Fritz Schaie-Rotter und Julie Wolff über- lebten den Überfall als Verletzte. Es kam zum Pro- zess gegen die liechtensteinische Täterschaft. Der Zürcher Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum hatte ein Plädoyer zugunsten der jüdischen Opfer vorbe- reitet, wurde jedoch an der Verlesung dieses Plädoy- ers gehindert. Wladimir Rosenbaum (1894-1984), im weiss- russischen Minsk geborener Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und Politikers, war 1903 mit seiner Mutter in die Schweiz gekommen und wurde später in Zürich eingebürgert. Im Jahr 1923 erwarb er das Anwaltspatent, was den Beginn seiner Karriere als Strafverteidiger darstellte. Dabei engagierte er sich primär gegen den Nationalsozialismus und Antise- mitismus. Dies zeigt sich eindrücklich in seinem Plä- doyer, das nun erstmals publiziert wird. Der Plädoyer-Edition wurden mehrere für diesen Zweck verfasste Aufsätze vorangestellt, die Hinter- grundinformationen bieten. Bekanntlich hatten Al- fred und Fritz Rotter in Berlin ein grosses Theater-unternehmen aufgebaut, damit das kulturelle Leben der deutschen Hauptstadt sehr bereichert und zu- dem viele schauspielerische Talente entdeckt und gefördert. Im Jahr 1931 hatten die Rotter das liech- tensteinische Bürgerrecht erworben. Nach einer beispiellosen Hetze flohen sie kurz vor der national- sozialistischen Machtergreifung aus Deutschland und kamen nach Liechtenstein. Ursina Jud skizziert in ihrem Aufsatz die ambiva- lenten Verhältnisse, denen die jüdische Bevölkerung Berlins in den Jahren 1930 bis 1933 ausgesetzt war. Mit dem Eintreffen der Rotter in Liechtenstein wechseln wir den Schauplatz. Die Sicherheit, wel- che die Rotter in ihrer neuen LIeimat zu verspüren glaubten, war trügerisch - auf die Katastrophe, wel- che am 5. April 1933 über die Rotter hereinbrach, wurde bereits hingewiesen. Klaus Biedermann re- flektiert den Überfall auf die Rotter vom 5. April 1933 im Spiegel liechtensteinischer Presseberichte und der historischen Forschung. Peter Kamber blendet nochmals zurück und berichtet über den Berliner Theaterkonzern der Rotter sowie über den anfangs 1933 eingetretenen Konkurs ihres Unter- nehmens. Daran anschliessend kommt erneut der Überfall vom 5. April 1933 und die sich daraus für die Täterschaft ergebenden Konsequenzen zur Sprache: Pius Heeb erörtert in seinem Beitrag das Strafverfahren gegen die liechtensteinische Täter- schaft aus juristischer Sicht. Norbert Haas befasst sich abschliessend mit dem Geist des Antisemitis- mus und der Fremdenfeindlichkeit in Liechtenstein. Dabei gibt er dem Begriff der Verdrängung, der be- reits in Klaus Biedermanns Aufsatz verwendet wur- de, noch eine vertiefte Dimension. Das Plädoyer von Wladimir Rosenbaum ist zu- gleich Höhepunkt und Abschluss dieser Aufsatzrei- he, welche dieses dunkle Kapitel der liechtensteini- schen Geschichte der 1930er Jahre neu beleuchtet. Klaus Biedermann 3