Volltext: Das Haus Liechtenstein in den böhmischen Ländern vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Liechtensteinische Güterund Rechte in Böhmen, Mähren und Schlesien 
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historische Forschung sieht in den (frühen) Liechtenstein deshalb «Grenzbaro 
ne» 21 : mächtige örtliche Adelige, die für einen weit entfernt lebenden Herrscher 
die Verteidigung und Befriedung der Grenzgebiete organisierten. An Grenzen 
lebende Adelsgeschlechter konnten, von der Peripherie territorialer Bildungen her 
agierend, eine beträchtliche Rolle spielen, etwa die Savoyer an der französischen 
Grenze, die Oldenburger und Holsteiner im Norden Deutschlands oder die Percy 
in Northumberland zwischen England und Schottland. In der Literatur wird auch 
die These vertreten, dass die liechtensteinischen Grenzbarone sogar einen eigenen 
Adelstypus konstituierten. Dieser verlegte sich darauf, zwischen mehreren Macht 
zentren hin und her zu manövrieren. 22 
Das Lavieren zwischen verschiedenen Herzogs-, Grafen- und Königshäu 
sern barg zwar viele Chancen, brachte aber auch immer wieder Risiken mit sich. 
War der Dienstmann seinem Landesherrn nützlich, winkten reiche Belohnun 
gen, etwa in der Form von Belehnungen und Schenkungen. Fiel der Dienstmann 
beim Landesherrn in Ungnade, zum Beispiel weil er mit oppositionellen Adeligen 
zusammenspannte oder zu stark mit einem anderen, benachbarten und gegneri 
schen Landesherrn kooperierte, so drohte das Gegenteil: Degradierung und Ent 
eignung. In der Geschichte der Dynastie Liechtenstein geschah beides - Beloh 
nung und Zurücksetzung - mit geradezu betörender Regelmässigkeit, ja zum Teil 
sogar innerhalb ein- und derselben Generation. Ein besonders krasses Beispiel 
dafür ist der Aufstieg und Fall des Johann von Liechtenstein im 14. Jahrhundert, 
auf den später noch ausführlich eingegangen wird. 
Hier nur so viel: Johann wurde um 1340 geboren und lebte bis 1397. Herzog 
Albrecht III. von Österreich machte ihn im Jahr 1368 zu seinem Hofmeister, also 
sozusagen zu seinem Regierungschef. Auf diesem einflussreichen Posten am Hof 
des Herzogs konnte sich Johann während fast drei Jahrzehnten behaupten. Es 
gelang ihm, enge Veiwandte in anderen Ämtern unterzubringen und ein Netz 
werk personeller Verbindungen aufzubauen, mit dem er seinen Einfluss solide 
untermauerte. Die höfische Karriere des Johann von Liechtenstein wurde begleitet 
vom wirtschaftlichen Aufstieg seines Geschlechts. Dieses erhielt nicht nur landes 
fürstliche Pfandherrschaften, sondern eiwarb auch zahlreiche Besitzungen in ganz 
Ober- und Niederösterreich. Das Haus Liechtenstein war drauf und dran, sich an 
21 Vgl. Volker PRESS, Das Haus Liechtenstein in der europäischen Geschichte, in: Volker 
PRESS, Dietmar WILLOWEIT (Hgg.), Liechtenstein — fürstliches Haus und staatliche Ord 
nung, Vaduz/München/Wien 1987, S. 15-85, hier S. 26. 
11 Ivo GERMAN, Der Adel im Grenzgebiet. Zivilisationswandel des Adels im böhmisch-ös 
terreichischen Grenzland, in: Stefan KARNER, Michal STEHLlK (Hgg.), Österreich. Tsche 
chien. Geteilt-getrennt-vereint, Schallaburg 2009, S. 354-357, hier S. 354.
	        

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