Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2019)

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16. NOVEMBER 2019 
Eine 7000-Kilometer-Abkürzung durch die Wüste 
Hintergrund «Achtung, an die gesamte Crew: Wir haben eine Kollision!» Arabische Funksprüche und Anweisungen auf Englisch sind zu hören, als das Con- 
tainerschiff im Suezkanal wie in Zeitlupe mit einem Schüttgutfrachter kollidiert. 
Das Video im Internet zeigt, wie dra- 
matisch eine Fahrt durch die ägypti- 
sche Wasserstrasse verlaufen kann. 
Aus dem Welthandel ist das Trans- 
port-Nadelöhr auch 150 Jahre nach 
seiner Eröffnung nicht mehr wegzu- 
denken, für die Ägypter bleibt der 
Kanal ein Prestigeobjekt. «Einige Ka- 
pitäne verlieren an Bord komplett 
die Nerven», sagt Mohamed Roshdy 
der Deutschen Presse-Agentur über 
die meist 11 bis 16 Stunden lange 
Durchfahrt. Seit fast 40 Jahren ar- 
beitet der Ägypter als Lotse am Su- 
ezkanal, wo Tankern und grossen 
Containerschiffen ohne seine An- 
weisungen ein Millionenschaden 
oder Schlimmeres drohen kann. 
Reise drei Wochen kürzer 
Herzprobleme seien häufig, sagt Rosh- 
dy, der Stressfaktor unter Kapitänen 
sei hoch. Mitarbeiter der Reederei 
Hapag-Lloyd oder des Energiekon- 
zerns Shell kommen inzwischen für 
Schulungen zu ihm. Auch für erfah- 
rene Seeleute ist es kein Leichtes, ei- 
nen 400 Meter langen Stahlriesen bei 
Strömung und Seitenwind durch eine 
schmale Schifffahrtsrinne zu steu- 
ern. Der Wüstenwind kann hier mit 
stürmischen 40 oder 50 Knoten pro 
Stunde über den Kanal fegen und ein 
haushohes Schiff in einen «Ballon» 
verwandeln, wie Roshdy sagt. «Ein 
Schiff ist nicht wie ein Auto. Wenn du 
die Steuerung verlierst, weisst du 
nicht, wo es hintrei- 
ben wird.» Doch 
um den Suezkanal 
führen in der Schiff- 
fahrt nicht viele 
Wege herum – je- 
denfalls nicht für 
einen aus Saudi- 
Arabien oder dem Irak kommenden 
Öltanker, der unter engem Zeitplan 
die Niederlande, Italien oder die USA 
ansteuert. Den Seeweg von Europa 
nach Indien verkürzt der Kanal um 
etwa 7000 Kilometer, der Umweg 
über das Kap der Guten Hoffnung 
könnte ein Schiff bei 16 Knoten (etwa 
30 Kilometern pro Stunde) fast drei 
weitere Wochen kosten. Im eng ge- 
takteten Welthandel eine Ewigkeit. 
5,9 Mrd. US-Dollar Rekordumsatz 
Die enorme Zeitersparnis entzückt 
Händler, Schiffsleute und Politiker 
schon vor 150 Jahren, als der Bau am 
17. November 1869 mit grossem 
Pomp eröffnet wird. 5000 promi- 
nente Gäste aus aller Welt reisen an, 
um das damals grösste Projekt des 
maritimen Weltverkehrs zu bestau- 
nen. Sie feiern bei Feuerwerk und ei- 
nem Festball, denn Erbauer Ferdi- 
nand de Lesseps, 
ein französischer 
Diplomat, war im 
kargen Land eine 
technische Meister- 
leistung gelungen. 
Dass Zehntausende 
ägyptische Zwangs- 
arbeiter unter brutalen Bedingun- 
gen schuften mussten und Tausende 
beim Bau ums Leben kamen, wird 
heute selten erwähnt. Die Fertigstel- 
lung markierte ein dunkles Kapitel 
im britischen Imperialismus. Ägyp- 
ten hatte sich beim Bau und mit an- 
deren Projekten hoch verschuldet, 
auch als Folge von erpresserischen 
Kreditzinssätzen, und sackte ab in 
die finanzielle Abhängigkeit der Eu- 
ropäer. 1875 war das Land bankrott. 
Das Vereinigte Königreich, dessen 
Banken nun einen Grossteil der 
ägyptischen Staatseinnahmen kont- 
rollierten, baute seinen Einfluss im 
Nahen Osten damit aus und sicherte 
den wichtigen Seehandelsweg nach 
Indien. Die Abneigung gegenüber 
den Briten, die Ägypten 1914 zum 
Protektorat erklärten, ist mitunter 
bis heute spürbar. Die eigentliche 
Party beginnt für Ägypten erst 1956, 
als der Kanal verstaatlicht und da- 
mit zu einer der wichtigsten Devi- 
senquellen des Landes wird. Durch 
mehrmalige Erweiterungen – zuletzt 
ein zweispuriger Ausbau auf zusätz- 
lichen Abschnitten – soll der Kanal 
für Frachter und Container-Riesen 
attraktiv bleiben, unter anderem 
wegen kürzerer Wartezeiten. Im Au- 
gust verkündete die Kanalbehörde 
einen Rekordjahresumsatz von 5,9 
Milliarden Dollar (5,37 Mrd Euro), 
im Februar wurde die höchste Ta- 
gestonnage seit 150 Jahren gemeldet. 
Streit um Erweiterung 
Trotz dieser Jubelmeldungen wirkt 
das erklärte Ziel, den Umsatz bis 
2023 mehr als zu verdoppeln, noch 
wie eine Seefahrermär. Kritiker wer- 
fen Präsident Abdel Fattah al-Sisi 
aus serdem vor, mit der Erweiterung 
2015 nur ein weiteres seiner Presti- 
geprojekte aus dem Boden gestampft 
und Staatsgeld verschwendet zu ha- 
ben – ähnlich wie beim Bau einer 
neuen Hauptstadt östlich von Kairo. 
Ein Drittel der ägyptischen Bevölke- 
rung lebt in extremer Armut und 
muss mit umgerechnet etwa einem 
Euro am Tag auskommen. Vor allem 
für die Containerschifffahrt wäre es 
ein herber Schlag, wenn diese wich- 
tige Route des Welthandels eines Ta- 
ges gekappt würde. 18 000 Schiffe 
durchfuhren den Suezkanal vergan- 
genes Jahr, im Durchschnitt etwa 50 
am Tag. Von einem «kritischen Eng- 
pass» spricht die US-Energiebehörde 
auch für den Handel mit Öl, Gas und 
Erdölprodukten. Deutsche Seeleute 
seien deutlich weniger unterwegs 
als noch vor 20 oder 25 Jahren, sagt 
Lotse Roshdy, der für die Durch- 
fahrt für mehrere Stunden an Bord 
der Schiffe gehen muss. Meist seien 
es hochrangige Besatzungsmitglie- 
der wie Kapitäne, erste Offiziere 
und Leiter der Maschinenanlagen. 
Etwas gelernt hat der 68-Jährige 
über die Deutschen in dieser Zeit 
aber trotzdem: «Sie sind vielleicht 
etwas steif. Aber sie sind sehr kor- 
rekt und wissen, wie man gut arbei- 
tet. Und am wichtigsten: Sie lügen 
nicht.»   (dpa) 
«Einige Kapitäne 
verlieren an Bord 
komplett die Nerven.» 
MOHAMED ROSHDY 
LOTSE AM SUEZKANAL 
Trump greift frühere Botschafterin 
der Ukraine während Aussage an 
Druck In der Ukraine-Affäre 
in den USA ist die frühere US- 
Botschafterin Yovanovitch 
vor das Repräsentantenhaus 
geladen. Sie gibt an, sie habe 
sich von Aussagen Trumps 
bedroht gefühlt. Noch wäh- 
rend sie spricht, greift der 
US-Präsident sie wieder an. 
VON CAN MEREY 
UND CHRISTIANE JACKE, DPA 
In 
den Impeachment-Ermitt- 
lungen hat US-Präsident Donald 
Trump die frühere Botschafte- 
rin in der Ukraine während ihrer 
laufenden Aussage vor dem Reprä- 
sentantenhaus auf Twitter angegrif- 
fen. Überall, wo Marie Yovanovitch 
hingegangen sei, habe sich die Lage 
verschlechtert, schrieb Trump am 
Freitag. Yovanovitch wurde bei der 
Anhörung vor dem Geheimdienstaus- 
schuss auf den Tweet angesprochen. 
«Es ist einschüchternd», sagte sie. Der 
Ausschussvorsitzende Adam Schiff 
warf Trump «Einschüchterung von 
Zeugen in Echtzeit» vor. Zuvor hat- 
te Yovanovitch unter Eid ausgesagt, 
sie habe sich von Aussagen Trumps 
bedroht gefühlt. Das Weisse Haus 
sah sich zu einer öff entlichen Vertei- 
digung des Präsidenten bemüssigt. 
«Der Tweet war keine Einschüchte- 
rung von Zeugen», erklärte Trumps 
Sprecherin, Stephanie Grisham. «Es 
war schlicht die Meinung des Präsi- 
denten, zu der er berechtigt ist.» Mit 
Yovanovitchs Aussage setzten die 
Demokraten im Repräsentantenhaus 
ihre öffentlichen Anhörungen für ein 
mögliches Amtsenthebungsverfah- 
ren (Impeachment) gegen Trump am 
Freitag fort. 
Opfer von Rufmordkampagne? 
Am Mittwoch hatten Abgeordnete 
bereits zwei Zeugen öffentlich be- 
fragt – das erste Mal seit Aufnahme 
der Impeachment-Ermittlungen En- 
de September. Die Demokraten wer- 
fen dem republikanischen Präsiden- 
ten vor, seine Macht missbraucht zu 
haben, um die ukrainische Regie- 
rung dafür zu gewinnen, sich zu sei- 
nen Gunsten in den US-Wahlkampf 
einzumischen. Es besteht der Ver- 
dacht, dass Trump Militärhilfe an das 
Land in Höhe von rund 400 Millio- 
nen US-Dollar als Druckmittel ein- 
setzte. Aus Sicht der Demokraten 
wollte Trump die Ukraine damit zu 
Ermittlungen bewegen, die seinem 
demokratischen Rivalen Joe Biden 
schaden könnten. Trump nennt die 
Untersuchungen eine «Hexenjagd». 
Yovanovitch stellte sich bei der Anhö- 
rung am Freitag als Opfer einer «Ruf- 
mordkampagne» infolge ihres Enga- 
gements gegen Korruption in der Uk- 
raine dar. Sie machte dafür korrupte 
ukrainische Beamte, aber auch 
Trumps persönlichen Anwalt Rudy 
Giuliani verantwortlich. «Ich verste- 
he Herrn Giulianis Beweggründe 
nicht, mich anzugreifen.» Vorwürfe, 
dass sie US-Botschaftspersonal oder 
Vertretern der Ukraine gesagt habe, 
Trumps Anordnungen könnten igno- 
riert werden, weil er des Amtes ent- 
hoben werde, seien nicht zutreffend. 
Yovanovitch sagte, sie habe am 
Abend des 24. April während eines 
Empfangs in der Botschaft einen An- 
ruf des US-Aussenministeriums er- 
halten. Sie sei aufgefordert worden, 
mit dem nächsten Flugzeug nach Wa- 
shington zurückzukehren. Dort sei 
ihr gesagt worden, dass Trump das 
Vertrauen in sie verloren habe. «Es 
war furchtbar, das zu hören. Es wur- 
de kein echter Grund genannt, war- 
um ich gehen musste.» Die frühere 
Botschafterin wurde auch auf das Ge- 
sprächsprotokoll des Telefonats zwi- 
schen Trump und dem ukrainischen 
Präsidenten Wolodymyr Selenskyj 
am 25. Juli angesprochen, das im 
Zentrum der Ukraine-Affäre steht. 
Trump regte in dem Gespräch Er- 
mittlungen gegen Bidens Sohn Hun- 
ter Biden an. Über die abberufene 
Botschafterin sagte Trump: «Sie wird 
ein paar Sachen durchmachen.» Yo- 
vanovitch sagte: «Das klang wie eine 
Bedrohung.» Trump sagte Selenskyj 
ausweislich des Protokolls auch, die 
frühere Botschafterin bedeute 
«schlechte Nachrichten». Yovano- 
vitch sagte am Freitag: «Ich war abso- 
lut schockiert und am Boden zer- 
stört.» Sie habe nicht glauben kön- 
nen, dass der Präsident der USA mit 
einem anderen Staatschef so über ei- 
nen Botschafter spricht. 
Trump veröffentlicht Telefonat 
Trump versuchte am Freitag, die 
Aufmerksamkeit von der Anhörung 
abzulenken. Pünktlich zu Beginn der 
Sitzung um 9.00 Uhr (Ortszeit/15.00 
Uhr MEZ) veröffentlichte das Weisse 
Haus das Gesprächsprotokoll eines 
früheren Telefonats Trumps mit Se- 
lenskyj. In dem Gespräch am 21. 
April gratulierte Trump Selenskyj zu 
seinem Wahlsieg vom selben Tag, 
wie aus dem Protokoll hervorgeht. 
Anders als in dem Telefonat am 25. 
Juli ermuntert Trump Selenskyj in 
dem Gespräch im April nicht zu Er- 
mittlungen, die Biden schaden könn- 
ten. Trump kündigte an, Selenskyj 
ins Weisse Haus einzuladen, wenn er 
sich in dem neuen Amt eingerichtet 
habe. Selenskyj sagte: «Wir nehmen 
die Einladung an und freuen uns auf 
den Besuch.» Die Demokraten wer- 
fen Trump vor, auch einen Besuch 
Selenskyjs im Weisse Haus an die 
Forderung gekoppelt zu haben, ge- 
gen die Bidens zu ermitteln. Trump 
wirft Biden vor, in seiner früheren 
Funktion als US-Vizepräsident An- 
strengungen unternommen zu ha- 
ben, um seinen Sohn vor der ukrai- 
nischen Justiz zu schützen. Hunter 
Biden war bei einem Gaskonzern in 
der Ukraine beschäftigt. Joe Biden 
hat gute Chancen auf die Präsident- 
schaftskandidatur der Demokraten 
bei der Wahl nächstes Jahr. Trump 
will für die Republikaner zur Wie- 
derwahl antreten. 
Trump kritisierte Yovanovitch während ihrer Aussage per Twitter. Alle Orte, an die sie gegangen sei, hätten sich zum 
Schlechten entwickelt. «Sie begann in Somalia, wie lief das?», schrieb er. (Foto: RM) 
Übergangspräsidentin 
Áñez kündigt 
Konsequenzen an 
LA PAZ Boliviens Übergangspräsiden- 
tin Jeanine Áñez hat im Falle einer 
Rückkehr des ins mexikanische Exil 
abgereisten Ex-Präsidenten Evo Mo- 
rales juristische Konsequenzen für 
den langjährigen Staatschef ange- 
kündigt. Er müsse sich in Bolivien 
wegen der Unregelmässigkeiten bei 
den Präsidentschaftswahlen am 20. 
Oktober sowie wegen «zahlreicher 
Korruptionsvorwürfe» vor Gericht 
verantworten, sagte Áñez am Frei- 
tag in La Paz. Morales hatte am Mitt- 
woch angekündigt, nach Bolivien 
zurückkehren zu wollen, um sein 
Land zu «befrieden». Die Anhänger 
des Ex-Präsidenten setzten in den 
vergangenen Tagen ihre Proteste ge- 
gen die Entmachtung von Morales 
fort und lieferten sich teilweise Aus- 
schreitungen mit den Einsatzkräf- 
ten. Tausende Demonstranten gin- 
gen in La Paz auf die Strasse und for- 
derten seine Rückkehr. Áñez nahm 
indes Verhandlungen mit der Partei 
von Morales auf – schloss eine erneu- 
te Präsidentschaftskandidatur des 
60-Jährigen jedoch aus. Die Verfas- 
sung sehe vor, dass ein Staatschef 
nur zwei Amtszeiten in Folge im Amt 
bleiben kann. Morales gescheiterter 
Versuch, sich bei den Präsident- 
schaftswahlen vom 20. Oktober ein 
viertes Mandat zu sichern, sei die 
Ursache der politischen Unruhen in 
Bolivien, sagte Áñez.   (sda/afp/dpa 
Im Gazastreifen 
Israels Militär greift 
erneut Ziele an 
GAZA Ungeachtet einer Waffenruhe 
hat die israelische Armee am Frei- 
tag erneut mehrere Ziele im Gaza- 
streifen angegriffen. Die Armee 
warf der Palästinensermiliz Islami- 
scher Dschihad vor, mit mehreren 
Raketenangriffen auf Israel gegen 
die seit Donnerstagmorgen gelten- 
de Waffenruhe verstossen zu ha- 
ben. Die Angriffe seien ein «Ver- 
stoss gegen die Waffenruhe», er- 
klärte das Militär. Zugleich kündig- 
te die Armee an, «unerwartete» zi- 
vile Opfer bei einer gezielten Tö- 
tung zu prüfen. Die israelische Ar- 
mee teilte mit, sie sei zu weiteren 
Einsätzen bereit, um «allen Versu- 
chen, israelischen Zivilisten Scha- 
den zuzufügen», entgegenzutreten. 
Den Angaben zufolge wurden nach 
Inkrafttreten der Waffenruhe am 
Donnerstagmorgen fünf Raketen 
aus dem Gazastreifen auf Israel ab- 
gefeuert. Zwei von ihnen seien vom 
israelischen Luftabwehrsystem ab- 
gefangen worden.   (sda/afp)
	        

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