Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2019)

MONTAG 
2. SEPTEMBER 
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Mondria: «Ich sehe die Digitalisierung als 
unglaubliche Chance für die Menschheit» 
Future Der Digitaltag 
Schweiz hat einen Ableger in 
Vaduz. Dort spricht morgen 
Dienstag Michael Mondria 
über Mensch und Digitalisie- 
rung. Das «Volksblatt» hat sich 
mit dem Leiter der Ars Elec- 
tronica Solutions getroff en. 
VON ELMAR GANGL 
«Volksblatt»: Herr Mondria, Sie wa- 
ren gerade noch in Mexiko – digital 
oder real? 
Michael Mondria: Hier real. (Lacht) 
Real hier, nicht digital. 
Wird digitales Reisen in Zukunft die 
heutigen Reisemöglichkeiten ergän- 
zen oder gar ablösen? 
Es ist auf jeden Fall eine Ergänzung, 
auch jetzt schon. Und das wird auch 
noch verstärkt werden, weil hier in 
diesem Bereich technologisch ein- 
fach Entwicklungen im Gange sind, 
wo man annehmen darf – ich spre- 
che hier auch von Virtual Reality 
und Augmented Reality – dass in ein 
paar Jahren eine qualitative Dimen- 
sion erreicht wird, die es ermögli- 
chen, Welten zugänglich zu machen, 
die man sonst nur durch reales Rei- 
sen erreichen würde. Und nicht ein- 
mal das, wie der Besuch anderer Pla- 
neten und Lebensräume. 
Bei Ihrer Arbeit bei Ars Electronica 
Solutions in Linz beschäftigen Sie 
sich mit interaktiven Erlebniswel- 
ten. Wie darf man sich das genau 
vorstellen? 
Was uns wirklich beschäftigt seit 
langer Zeit, ist, wie kann ich techno- 
logische Entwicklungen so verwen- 
den und einsetzen, dass sie für die 
Vermittlung von auch sehr komple- 
xen Inhalten genutzt werden kann. 
Wie kann ich von Quantenphysik bis 
zu einer Vision eines Unternehmens 
nachhaltig einem Menschen vermit- 
teln? Wie kann ich da Technologien 
verwenden, dass diese Emotionali- 
tät entsteht, diese Transformation 
von dem was an komplexem Inhalt 
da ist, zu etwas, das der Mensch ver- 
stehen kann? Da sind keine Ein- 
schränkungen. Wir schauen uns na- 
hezu jede Technologie an und ver- 
suchen herauszufinden, wie kann 
man diese Technologie so verwen- 
den, dass sie zum Nutzen der Men- 
schen oder der Vermittlung ist. Ei- 
gentlich ist das, was wir versuchen, 
ein ständiges Nachdenken über Ver- 
mittlung. 
Sie sprechen morgen am Digitaltag 
in Vaduz. Kennen Sie die Museums- 
landschaft Liechtenstein/Schweiz? 
Ich kenne sie, aber nur sehr ober- 
flächlich. Das ist auch das erste Mal, 
dass die Ars Electronica hier etwas 
in Zusammenarbeit mit einem Muse- 
um macht. 
Wie kam es zur Zusammenarbeit 
mit dem Kunstmuseum Liechten- 
stein? 
Der Auslöser ist die Ausstellung «Out 
of Controll», die wir in Bregenz ma- 
chen, die wird kurz nach dem Digi- 
taltag eröffnet. Da geht es um die 
Sensibilisierung vor allem der jun- 
gen Menschen in dieser Welt des 
Netzes, weil man hier beobachten 
kann, wie sich gesellschaftliche 
Strukturen und Menschen verän- 
dern. Die älteren Menschen können 
gar nicht verstehen, wie die jungen 
damit umgehen. Und dieses Feld ge- 
hört sensibilisiert. Nach dem Aus- 
stellungsbesuch weiss man viel 
mehr, was denn da passiert in der 
Datenwelt und das war der Aus- 
gangspunkt für die Kommunikation 
mit dem Digitaltag. 
Bei Kunstmuseum kommt mir auch 
die Biennale Venedig in den Sinn, wo 
sich Liechtenstein der Digitalität wid- 
mete. Knüpft Ihr Vortrag dort an? 
Nein, nicht direkt. Aber ich kenne 
natürlich, was da in Venedig ge- 
macht wurde. 
Sie sprechen über den Menschen im 
Kontext von Big Data, Künstlicher 
Intelligenz und der Autonomisie- 
rung der Welt. 
Es geht natürlich um den Menschen 
(lacht). Und um das, was uns als Ars 
Electronica und auch mich persön- 
lich seit Jahrzehnten beschäftigt, 
diese Interaktion zwischen Techno- 
logie und Mensch und Gesellschaft 
und diese Wechselwirkungen und 
Beziehungen. Ich habe die Künstli- 
che Intelligenz (artificial intelligen- 
ce AI, Anmerkung) auch deshalb als 
ein Thema drin, weil ich denke, 
dass es wirklich eine Technologie 
ist, die uns nachhaltigst beeinflus- 
sen wird. 
Wo sehen Sie die Chancen der Digi- 
talisierung? 
Die sind grossartig mit einer Tech- 
nologie wie AI, wirklich etwas zu 
vollbringen, das wirklich für das 
Wohl des Menschen ist. So gross war 
das Potenzial noch nie. Genauso ist 
da auch ein Risiko, aber man muss 
noch keine Angst haben vor AI, weil 
die es ja noch nicht gibt, aber man 
muss sich sorgen um die Entwick- 
lung in den nächsten fünf Jahren, 
wie diese gestaltet wird.   
Wir sind hier im Kunstmuseum. Was 
für Herausforderungen warten auf 
Museen und Ausstellungen? 
Wenn man sich Museen auch in der 
Geschichte ansieht, sind es Orte, die 
sich entwickelt haben. Von Orten, 
wo man etwas betrachten konnte, zu 
Orten, wo immer mehr Information 
den Besuchern zur Verfügung ge- 
stellt wird. 
Ist digitale Kunst noch menschlich 
bzw. sieht man den Künstler noch? 
Man muss da unterscheiden zwi- 
schen Technologien und Digitalisie- 
rung als Unterstützung für Stätten 
der Wissensvermittlung als Beglei- 
tung und Unterstützung und digita- 
ler Kunst. Museen müssen, glaube 
ich, sich hinentwickeln zu Zuhörern, 
sie müssen auf den Menschen re- 
agieren können, weg von statischer 
Vermittlung hin zu Vermittlung in 
der Form, wie sie sich der Besucher 
wünscht. Und hinter digitaler Kunst, 
da ist immer noch ein Mensch. 
Die Welt verändert sich im digitalen 
Zeitalter rasend schnell. Kann man 
die digitale Welt aufbewahren, kon- 
servieren und in Zukunft in einem 
Museum zeigen? 
Eine schwierige Frage, die ich nicht 
umfassend beantworten kann. Ob die 
digitale Kunst von heute in 10 Jahren 
noch funktioniert, da meine ich nein. 
Wenn ich in die Archive der Ars Elec- 
tronica schaue, dann muss ich sagen, 
dass Werke aus den 80er, 90er kaum 
mehr funktionieren. Es wird ein Pro- 
blem sein in Zukunft. Da muss mit di- 
gitalen Mitteln archiviert werden, 
aber das wird immer besser. 
Wird die digitale Zeit, die am schlech- 
testen dokumentierte werden? 
Nein, ich denke, wir sind jetzt gera- 
de in einer Zeit angelangt, wo wir 
langsam verstehen, dass wir aus ver- 
schiedenen Perspektiven das Digita- 
le anders in unser Leben lassen müs- 
sen. Wir haben einen Punkt er- 
reicht, wo wir nichts mehr löschen 
müssen an digitalen Daten. Aus der 
Evolution heraus sind wir als Mensch 
in der notwendigen Lage zu verges- 
sen. Jetzt haben wir in der digitalen 
Welt plötzlich den Zustand erreicht, 
wo es nicht mehr so ist. Aber es ist 
eine total spannende Frage, und in 
der digitalen Welt warten noch mehr 
solcher Fragen, die an den Grund- 
werten der Menschen rüttelt. 
Algorithmen, künstliche Intelligenz 
– macht das die Welt gerechter oder 
sind die Resultate auch nur eine 
Meinung? 
Momentan ist für mich ganz klar, 
dass es nur irgendeine Meinung ist. 
Wie das in fünf Jahren ist, das kann 
ich noch nicht prognostizieren. 
Haben Sie selbst Vertrauen in die Di- 
gitalisierung? 
Ganz schwierig. Aber grundsätzlich 
ja. Weil ich in der Digitalisierung 
und daraus resultierenden Entwick- 
lungen eine unglaubliche Chance für 
die Menschheit sehe. Wir sind mo- 
mentan in einer Situation, wie wir 
noch wie waren in der Menschheit. 
Wie steht es eigentlich um den Ener- 
gieverbrauch für die digitale Welt? 
Die ist momentan enorm und nahe- 
zu absurd, aber auch da gibt es Ent- 
wicklungen. 2016 hat AI von Google 
den besten Go-Spieler der Welt ge- 
schlagen, da hat man ja gesagt, wenn 
das passiert, wird es gefährlich. Die- 
ser Rechner hat 50 Millionen Watt 
verbraucht, das menschliche Hirn 
verbraucht 20 Watt. Da gibt es noch 
sehr viel Aufholungsbedarf. 
Wen laden Sie für Ihren Vortrag 
herzlich ein? 
Der ist offen für alle, die Themen 
tangieren Unternehmen, Wirtschaft, 
Industrie, Kunst oder Vermittlung. 
Eigentlich für jeden, der interessiert 
und mit offenen Augen durch diese 
Welt geht. 
Können Sie mir noch verraten, war- 
um wir uns auf die digitale Welt 
freuen sollen? 
Das ist eine schwierige Sache, weil 
ich die analoge Welt auch liebe (lacht 
herzlich). Aber die digitale Welt hat 
einfach ein Potenzial, das wir nut- 
zen können in unserer Rückbesin- 
nung auf das, was wir sind, nämlich 
Menschen. Und das ist für mich das 
Eigentliche, das Wesentliche. 
Smarte Kultur: Michael Mondria spricht morgen 
um 18.30 Uhr am Digitaltag im Kunstmuseum 
Liechtenstein. Mehr: www.digitaltag.li 
Malsch: «Grosser Zuspruch und 
positive Beurteilung der Resultate» 
Präsentation Am Digitaltag schliesst das Kunstmuseum ein Jahr der intensiven Beschäfti- 
gung mit der Digitalität ab. Das «Volksblatt» hat bei Direktor Friedemann Malsch nachgefragt. 
VON ELMAR GANGL 
«Volksblatt»: Herr Direktor Malsch, 
was bedeutet es für das Kunstmuse- 
um, dass der Digitaltag in Ihrem 
Haus stattfindet? 
Friedemann Malsch: Nachdem be- 
reits im vergangenen Jahr der Digital- 
tag im Kunstmuseum stattgefunden 
hat, freuen wir uns natürlich darüber, 
dass dies auch heuer der Fall ist. Da- 
mit wird klar, dass das Museum zu ei- 
nem Ort geworden ist, an dem aktuel- 
le Themen aus allen Bereichen der Ge- 
sellschaft verhandelt werden können. 
Es ist schön, dass wir auch inhaltlich 
in das Veranstaltungsprogramm des 
Digitaltages eingebunden sind. 
Die digitale Welt war ja auch das 
Liechtenstein-Thema an der Bienna- 
le in Venedig. Um was ging es da ge- 
nau in den Diskussionsrunden? 
Neben einer Performance der liech- 
tensteinischen Künstlerin Martina 
Morger mit Vassili Widmer zum The- 
ma «Digital Natives» und der Präsen- 
tation des von visarte Liechtenstein 
konzipierten und produzierten 
«Liechtenstein-Pavillon» fanden ins- 
besondere drei Streitgespräche zwi- 
schen international renommierten 
Fachleuten statt, die die Konse- 
quenzen der Digitalität für die 
künstlerische Praxis, den Ausstel- 
lungsraum sowie für Theorie und 
Philosophie der Kunst zum Thema 
hatten. In die Vorbereitung dieser 
Gespräche war auch visarte Liech- 
tenstein mit eingebunden. 
Haben Sie auch Resultate aus Vene- 
dig mitgebracht? 
Die Gespräche haben gezeigt, wie 
lebhaft die Diskussionen über die 
Auswirkungen der Digitalität noch 
geführt werden, und dass es noch 
nicht so weit ist, dass sich daraus 
Perspektiven einer konkreten Praxis 
ergeben. Ein wichtiges Resultat aber 
war der grosse Zuspruch an Teilneh- 
mern und deren positive Beurtei- 
lung der Qualität unserer Veranstal- 
tung. Das hat dem Land Liechten- 
stein viel Ansehen und Sympathie in 
dieser Szene gebracht. 
Zum Schluss – was dürfen die Besu- 
cher vom Beitrag des Kunstmuse- 
ums am Digitaltag erwarten? 
Wir können das Projekt zu diesem 
Thema, das wir auf dem letztjährigen 
Digitaltag mit einer Podiumsdiskussi- 
on gestartet und zum Höhepunkt des 
Symposiums in Venedig weiterentwi- 
ckelt haben, an diesem Digitaltag zu 
einem guten Abschluss bringen. Die 
Publikation, die die Diskussionen in 
Venedig, die Performance und den 
Beitrag von visarte dort dokumen- 
tiert ist fertig und wird an diesem An- 
lass vorgestellt. Aber der Höhepunkt 
ist sicher der Vortrag von Michael 
Mondria, Senior Direktor von Ars 
Electronica Solutions in Linz, der in 
die komplexen Beziehungen zwi- 
schen Digitalität und gesellschaftli- 
cher Entwicklung aufzeigen wird. 
Friedemann Malsch freut sich darüber, dass das Kunstmuseum auch inhaltlich in 
das Programm des Digitaltags eingebunden wurde. (Foto: Michael Zanghellini) 
Michael Mondria ist sich der Chancen und Risiken von Digitalisierung und ihren Entwicklungen bewusst. (Foto: M. Zanghellini) www.volksblatt.li
	        

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