Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2013)

6 | Inland 
VON KIRSTIN DESCHLER 
«Volksblatt»: Herr Wellig, wann hat 
Sie die Leidenschaft fürs Bergstei- 
gen erfasst, oder liegt einem das als 
Schweizer von Geburt an im Blut? 
Diego Wellig: Das könnte man den- 
ken. Vielleicht nicht allen Schwei- 
zern, aber ich bin mitten in den Ber- 
gen aufgewachsen. Mit drei vier Jah- 
ren stand ich das erste Mal auf den 
Skiern und mit vier fünf Jahren hab 
ich dann die ersten Wanderungen 
mit meinem Vater gemacht. Da hab 
ich das erste Mal Gletscher gesehen. 
So richtig los ging es aber eigentlich 
erst mit der Jugendorganisation vom 
Schweizer Alpenclub, dem ich als 
13-Jähriger beigetreten bin. Da konn- 
te ich dann schon als 14-Jähriger 
meinen ersten 4000er machen, ja 
und da hat dann eigentlich alles an- 
gefangen. 
Wenn man so hohe Berge wie Sie be- 
steigt, was sich ja deutlich vom «nor- 
malen» Bergsteigen unterscheidet: 
Braucht es eine spezielle Vorberei- 
tung? Wie wichtig ist es, konstant 
dabei zu bleiben? 
Das ist, glaube ich, wie bei jeder an- 
deren Sportart auch: Man muss 
schon immer dranbleiben, dass man 
die Kondition auf 
einem hohen Ni- 
veau hält. Hinzu 
kommt natürlich 
das Technische. 
Wenn man tech- 
nisch sehr gut läuft, dann spart das 
Kraft. Das ist ja eigentlich überall so. 
Wenn man etwas gut kann, dann 
läuft es fast wie von selbst und gibt 
einem natürlich auch ein riesiges 
Selbstvertrauen. Und dadurch hat 
man dann auch mental eine gute Vo- 
raussetzung, um schwere hohe Ber- 
ge zu gehen. 
Das führt mich gleich zu meiner 
nächsten Frage: Wie wichtig ist ne- 
ben den physischen Aspekten die 
mentale Vorbereitung? 
Wenn wir speziell von den 8000ern 
reden, oder von den ganz abgelege- 
nen 7000ern, bei denen man weiss, 
dass man nicht das Handy nehmen 
kann, um einen Notruf abzusetzen, 
ist das natürlich sehr wichtig! Man 
muss wirklich überzeugt sein, dass 
man das, was man tut und anpackt, 
auch beherrscht. Sobald man Angst 
hat – Angst ist der schlechteste Be- 
gleiter in den Bergen, aber eigentlich 
auch sonst überall – kann man es ver- 
gessen. Vor allem ich, der ich sehr 
viel mit Gästen unterwegs bin, muss 
erst recht davon überzeugt sein, dass 
ich das schaffe. Und zwar nicht nur 
bis zum Gipfel zu kommen, sondern 
auch wieder runter. Für die Gäste ist 
ganz klar der Gipfel das Ziel. Es zei- 
gen ja auch viele Statistiken, dass die 
meisten Unfälle auf dem Abstieg pas- 
sieren. Man ist meist müde, wenn 
man runtergeht, oft spielt das Wetter 
dann auch nicht mehr hundertpro- 
zentig mit – der Schnee wird weich 
oder es fängt an zu winden. Für mich 
als Bergführer von Beruf fängt ei- 
gentlich der grössere Teil der Arbeit 
beim Abstieg an. 
Sie haben gesagt, dass Angst der 
schlechteste Begleiter in den Bergen 
sei, aber ist eine gewisse Portion 
Respekt, gerade beim Höhenklet- 
tern, nicht unabdingbar? 
Doch, unbedingt! Ein gesunder Res- 
pekt ist unbedingt nötig. Vor allem 
an Orten, die extrem abgelegen sind, 
was ich vorhin ja schon angespro- 
chen habe. Ein einfacher Beinbruch 
kann dort verheerende Auswirkun- 
gen haben. 
Sie haben die höchsten Berge der 
Welt bestiegen und solche Expediti- 
onen laufen nicht immer glimpflich 
ab. Sind sie schon mit schweren Un- 
fällen oder gar Todesfällen konfron- 
tiert worden? 
Ich selbst hatte bisher Gott sei Dank 
noch keine schweren Unfälle, aber 
ich habe schon Erfrierungen erlit- 
ten, weil ich zu spät war und ein Bi- 
wak einschalten 
musste. Das ist in 
sehr jungen Jahren 
passiert und das 
prägt natürlich und 
man teilt sich die 
Zeit nach so einem Erlebnis besser 
ein. Es gibt ja Naturereignisse, wie 
Eis, Stein- oder Blitzschlag, gegen 
die kann man im Normalfall ja nicht 
viel unternehmen. 
Sie sind verheiratet und haben zwei 
Kinder, tragen also auch Verantwor- 
tung für ihre Familie. Hat sich bei 
Ihnen etwas an der Einstellung zum 
Extrembergsteigen geändert, als Sie 
Kinder bekommen haben? 
Meine Kinder sind ja mittlerweile 
schon grösser – 15 und 17 Jahre alt – 
aber als ich vor zehn Jahren das 
erste Mal auf dem Mount Everest 
war, waren sie noch klein. Meine 
Frau hat jedoch immer gesagt: «Ich 
bin überzeugt, dass das, was der 
Diego macht, er auch richtig macht. 
Ich vergleiche das immer mit ei- 
nem Forstarbeiter, da sagt man ja 
auch, dass das ein sehr gefährli- 
cher Beruf sei. Die ganz schweren 
Touren mit Kollegen habe ich si- 
cher vorher gemacht, aber die 
grossen Berge habe ich eigentlich 
erst gemacht, als ich schon Familie 
gehabt habe. Ich sag immer: «Ich 
geh ja nicht auf den Berg, um zu 
sterben!» Ich möchte ein schönes 
Abenteuer haben und wieder heil 
nach Hause zur Familie kommen. 
Ein Vertreter im Aussendienst ver- 
bringt ja auch gute 150 000 Kilo- 
meter im Jahr auf der Strasse, der 
hat auch ein hohes Risiko, dass 
plötzlich ein Geisterfahrer kommt, 
oder ähnliches. 
Sie haben Ihre Kinder erwähnt. Die 
sind mittlerweile schon etwas älter, 
in diesem Alter hatten Sie bereits Ih- 
ren ersten 4000er bestiegen. Ist die- 
ses Fieber denn auf Ihre Kinder 
über gegangen? 
Also 4000er haben die beiden zwar 
auch schon bestiegen und einer 
fährt auch noch Skirennen, aber ich 
hab sie nicht so stark gepusht. Das 
muss auch  nicht mit 14 Jahren an- 
fangen, die Leidenschaft für die Ber- 
ge kann auch erst später kommen. 
Da sind wir auch schon bei dem 
Thema «Alter». Spielt es eine Rolle, 
ich denke, dass tut es, gerade bei 
den extremen Bergtouren, oder? 
Man ist ja mit 30 nicht gleich drauf 
wie mit 50; ich selbst bin 52. Was ich 
merke, ist, dass man nicht mehr so 
viele Berge direkt hintereinander 
machen kann. Man braucht mehr Er- 
holung, ausserdem sucht man sich 
Routen, die technisch nicht mehr so 
schwierig sind. Im Frühjahr fahre 
ich wieder zu einem 7000er nach 
Nepal, da mache ich mir noch keine 
Gedanken. Aber die Uhr geht schon 
ein bisschen langsamer. 
Wie wichtig ist ein gutes Team bei 
einer Expedition? 
Es ist unheimlich wichtig, dass man 
sich gut versteht und nicht zerstrei- 
tet. Das ist auch ein Grund, wes- 
halb wir im Lager nie Karten ge- 
spielt haben. Wissen Sie warum? Da 
besteht immer die Gefahr, dass ei- 
ner falsch spielt und da würde zu- 
sätzliches Konfliktpotenzial rein- 
kommen. Wir haben statt dessen 
immer «Eile mit Weile» gespielt, 
denn das ist ein Glücksspiel und die 
Würfel bestimmen, wie weit du ge- 
hen kannst. Das Team ist extrem 
wichtig und wenn es nicht funktio- 
niert, dann schlägt das natürlich 
extrem auf die Moral. 
Haben Sie schon mal unter Lager- 
koller gelitten? 
Also so extremem Lagerkoller nicht, 
aber wenn das Wetter schlecht ist, 
es drei, vier Tage nur schneit, deine 
Kleidung langsam durch und durch 
nass ist und nicht mehr trocknet, 
dann sehnt man sich schon nach 
besseren Tagen. 
Der menschliche Körper ist ja ei- 
gentlich nicht für solch extreme Hö- 
hen ausgelegt. Wie funktioniert die 
Akklimatisierung auf dem Weg zum 
Gipfel? 
Es gibt eine Faustregel, die besagt, 
dass man 1000 Meter pro Woche be- 
wältigen soll. Das bedeutet also zum 
Beispiel, dass man nach einer Wo- 
che auf 4000 Metern schlafen sollte 
und dann in der Folge wieder auf 
5000 und 6000. Die Leute denken 
immer, man könnte einfach hinü- 
berfliegen und auf den Berg steigen, 
wenn das Wetter gut genug ist. Aber 
die Akklimatisierung mit der Situa- 
tion, also dass sich der Körper an die 
dünne Luft gewöhnt und der ganze 
Wechsel in ein anderes Land - was 
auch mit Klima und Ernährung zu 
tun hat – das muss man zuerst ein- 
mal verkraften. Erst dann kann der 
Berg kommen. 
Fällt es Ihnen schwer, sich nach ei- 
ner grossen Tour wieder in den All- 
tag zu integrieren? 
Nein, das geht eigentlich ruck, zuck, 
denn man wird hier ja gebraucht. 
Das Einzige, das man vielleicht 
manchmal verspürt, ist der Jetlag. 
Der Alltag nimmt einen schneller 
wieder in Beschlag, als man denkt. 
Das ist interessant, ich hätte ge- 
dacht, dass man im Anschluss eine 
Ruhephase braucht. 
Ja, aber dazu kommt man eigentlich 
nicht. Wenn der Gipfelerfolg da war, 
dann ist man ja auch irgendwie ge- 
löst, dann muss man nicht grossar- 
tig nachstudieren, 
was man falsch ge- 
macht haben könn- 
te. Dann kommt 
man relativ gelöst 
nach Hause. Klar 
ist man müde, aber dann schläft 
man halt ein paar Stunden mehr als 
normal und dann reicht das. 
Da Sie gerade den Gipfelerfolg ange- 
sprochen haben: Wie sehr hat es Sie 
gewurmt, dass Sie bei Ihrem ersten 
Versuch 90 Meter unterm Gipfel des 
Mount Everests aufgeben mussten? 
Das war 1992, ich war ohne Sauer- 
stoff unterwegs und war einfach 
ein bisschen spät dran. Das war ein 
taktischer Fehler, der mich so kurz 
vor dem Ziel natürlich schon ge- 
wurmt hat. Dem studiert man dann 
schon ein paar Wochen nach. Aber 
irgendwann muss man das einfach 
verarbeiten. Wenn man zurück 
kommt warten ja schon wieder Gäs- 
te und mit ihnen neue Gipfelerfol- 
ge. Ich sage immer: Der Gipfel ist ja 
nur das Pünktchen auf dem I. Aber 
der Rest der Expedition hat doch 
auch ihren Wert und bringt Erfah- 
rungen. 
Sie haben das Thema Sauerstoff 
schon angesprochen: Mit oder ohne? 
Daran scheiden sich die Geister, was 
ist Ihre Ansicht? 
Ich war ja dann 2002 und 2012 als 
Bergfüher engagiert und da war 
die Sache ganz klar, da gibt es für 
mich keine Diskussion mit oder oh- 
ne. Wenn man die Gäste heil auf 
den Gipfel bringen will, muss man 
mit Sauerstoff gehen. Ohne ihn 
kann man nur auf sich selbst schau- 
en und nicht noch 
einem Kollegen 
helfen. Ein we- 
sentlicher Grund 
ist die Sicherheit: 
Mit Sauerstoff ist 
die Gefahr, Erfrierungen und eine 
Höhenkrankheit zu erleiden, we- 
sentlich geringer. 
Schwerpunkt Extremalpinist Diego Wellig im Interview 
Diego Wellig: «Ich gehe 
nicht auf den Berg, 
um zu sterben» 
Gipfelstürmer Diego Wellig bestieg als erster Schweizer die Seven Summits und war zweimal 
auf dem Mount Everest – dies sind nur einige seiner Expiditionen (siehe Kasten). Am Donnerstag 
erzählt er im SAL von seinen Abenteuern. Einen exklusiven Einblick gewährt der Extremalpinist 
den «Volksblatt»-Lesern bereits zuvor. Er spricht von Gefahr, Verantwortung, Angst und Hochgefühl. 
1982:  Eiger-, Matterhorn-, Grand Jorasse-, 
Breithorn-, Nesthornnordwand 
1983:  Huascaran, 6723*, und 
Chopicalki, 6340*, in Peru 
1985:  Shishia Pangma, 8046* 
(erster Achttausender) 
1986:  Broad Peak, 8047* (zweiter 
Achttausender) 
1986: Fitz Roy, 3421* (Argentinien) 
1987: Matterhorn-Nordwand im Winter 
1987: Aconcagua , 6959*, (Argentinien) 
1987:  Carstenz Pyramide , 4967* 
(Neuguinea) 
1988:  Gasherbrum II, 8035* 
(dritter Achttausender) 
1988: Mont Cook, 3915*, in Neuseland 
1989:  Elbrus , 5647*, (Kaukasus); 
1. Versuch: Everest, 8850*, bis auf 
8100*, Nordseite (zu viel Schnee) 
1990:  Nanga Parbat Nordgipfel 8070* 
(vierter Achttausender); erste 
Skiabfahrt mit Hans Kammer- 
lander 
1990:  Gurla Mandata, 7728* 
(Zweitbesteigung) 
1991:  Ama Dablam, 6837* 
(Matterhorn Nepals) 
1992:  Matterhorn alle vier Grate im 
Aufstieg und Abstieg in 24 Stunden 
(Z’Mutt, 
Furgg, Italiener, Hörnli) 
1992:  Zweiter Versuch Everest, 8850* 
(8751* Südgipfel ohne Sauerstoff) 
1992: Mont Vinson , 4897* (Antarktis) 
1994:  Mount Mc Kinley , 6194* (Alaska) 
1994: Kilimandscharo , 5895*. (Afrika) 
2002:  Mount Everest , 8850*  (Nepal/ 
China), fünfter Achttausender 
2003:  Ojos de Salado, 6880* Chile 
(Höchster aktiver Vulkan) 
Ab 1994: Viele grosse und kleine Berge 
der Welt mit Gästen bestiegen: Cotopaxi 
(5895*), Cimborazo (6300*), Mera Peak 
(6423*), Gulliatiri (6034*), Island Peak 
(6114*), Pissis (6882*), Lullilaco (5984*), 
Acancagua (6959*), Elbrus (5647*) usw. 
* m ü. d. M. 
   Besteigung Seven Summits als erster 
Schweizer. 
Welligs Expeditionen und Touren 
«Angst ist der 
schlechteste Begleiter 
in den Bergen.» 
«Der Gipfel ist ja 
nur das Pünktchen 
auf dem I.»
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.