Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2013)

SAMSTAG 
19. JANUAR 2013 
11 Wirtschaft 
Schuldenkrise 
Italien tiefer 
in der Rezession 
ROM Im Eurokrisenland Italien 
entwickelt sich die Rezession 
nach Einschätzung der Banca 
d’Italia schlimmer als bisher ge- 
dacht. Die italienische Notenbank 
senkte die Prognose für die weite- 
re konjunkturelle Entwicklung. 
Die Währungshüter rechnen 2013 
laut einer am Freitag veröffent- 
lichten Mitteilung mit einem 
Rückgang der Wirtschaftsleistung 
um 1,0 Prozent. Zuletzt hatte die 
italienische Notenbank im ver- 
gangenen Juli ein Schrumpfen der 
Wirtschaft um nur 0,2 Prozent 
prognostiziert. Als Gründe für die 
Prognosesenkung nannte die No- 
tenbank die allgemeine Schwäche 
der Weltwirtschaft und eine ent- 
täuschende Nachfrage nach italie- 
nischen Waren im Ausland. (sda) 
Konsum 
Haushaltsstreit 
verdirbt Stimmung 
NEW YORK Die Konsumentenstim- 
mung in den USA hat sich zu Be- 
ginn des Jahres überraschend ein- 
getrübt. Das Barometer sank im 
Januar auf 71,3 Punkte nach 72,9 
Zählern im Dezember und er- 
reichte den tiefsten Wert seit 
mehr als einem Jahr. Besonders 
negativ wirkte sich aus, dass der 
US-Haushaltsstreit noch immer 
nicht beigelegt ist, wie Thomson 
Reuters und die Universität Michi- 
gan mitteilten. Mehr als ein Drit- 
tel der Konsumenten sehen die 
Hängepartie im Kongress kritisch. 
Der zur Jahreswende erzielte 
Kompromiss im Haushaltsstreit 
hat die Probleme nicht gelöst, 
sondern nur verschoben: Es dro- 
hen weiterhin für die Wirtschaft 
gefährliche automatische Kürzun- 
gen bei den Staatsausgaben, soll- 
ten sich Präsident Obama und der 
Kongress nicht rechtzeitig auf 
Einsparungen einigen. (sda) 
www.volksblatt.li 
Gewerbe hoff t 2013 auf Besserung 
Ausblick Der starke Franken und die wirtschaftlichen Probleme in den Euroländern – den Haupthandelspartnern Liechten- 
steins – belasten nach wie vor die Situation des heimischen Gewerbes. Für 2013 gibt man sich indes vorsichtig optimistisch. 
VON JOHANNES MATTIVI 
Von Aufbruchstimmung im Gewer- 
be könne man derzeit sicherlich 
nicht reden, sagt Wirtschaftskam- 
mer-Geschäftsführer Jürgen Nigg auf 
«Volksblatt»-Anfrage. «Aber zumin- 
dest gibt es Hoffnung auf Besse- 
rung.» Was das Gewerbe vor allem 
plagt, sind die Fixkosten. Auf der Su- 
che nach Einsparungsmöglichkeiten 
rücken dabei das Personal und die 
Arbeitsabläufe in den Mittelpunkt. 
«Jedes Unternehmen steht vor der 
Frage, ob das ganze Personal noch 
benötigt wird und wie in der Pro- 
duktion Kosten reduziert werden 
könnten», sagt Jürgen Nigg, der 
gleichzeitig die Politik vor eventuel- 
len Steuererhöhungen oder neuen 
Sozialleistungen warnt, weil es dann 
sehr schwierig für die Arbeitgeber 
werde, den Erhalt der Arbeitsplätze 
noch zu garantieren. 
Ein Lichtblick für Jürgen Nigg ist die 
seines Erachtens stets bewiesene 
Qualität und Innovationsfreude am 
Werkplatz Liechtenstein, die immer 
wieder für Aufschwung in der Wirt- 
schaft sorge. Um einen neuerlich er- 
hofften Aufschwung auch zu nutzen, 
müssten die Unternehmer innovativ 
bleiben, neue Nischen finden und 
sich weiterhin den schnellen Verän- 
derungen anpassen, betont Nigg. 
Einbruch in der Automobilbranche 
Die Liechtensteiner Wirtschaft stehe 
in einem harten Wettbewerb und 
werde von der Verunsicherung im 
Euroraum zusätzlich belastet, beob- 
achtet der Wirtschaftskammer-Ge- 
schäftsführer. Gerade der Euroraum 
sei für einige Mitgliedsunternehmen 
der Wirtschaftskammer der wich- 
tigste Markt, sei dies in der Beratung 
oder als Zulieferer für die Industrie. 
Zu kämpfen hätten hier vor allem 
die Automobilzulieferer. Kaum pro- 
fitierten sie von einer momentanen 
Stabilität des Euro, folgte ein Absatz- 
einbruch in der Automobilbranche. 
Jürgen Nigg: «Aktuelle Zahlen bestä- 
tigen, dass die Autoverkäufe in der 
Europäischen Union im Jahr 2012 
mit minus 8,2 Prozent auf den nied- 
rigsten Stand seit 1995 gesunken 
sind. Wer da Zulieferer ist, hat zwar 
seine Kalkulation hinsichtlich der 
Preise im Griff, aber der Umsatz 
könnte sinken.» 
Baubranche kämpft mit Tiefpreisen 
Andere Branchen, allen voran im 
Bauhaupt- und Nebengewerbe, hat- 
ten 2012 zwar volle Auftragsbücher – 
zumindest die meisten –, kämpften 
aber mit dem sehr tiefen Preisniveau 
(das «Volksblatt» berichtete). «Der 
Preisdruck im Land ist enorm», be- 
stätigt auch Jürgen Nigg. Dazu kom- 
me nun die Gefahr, dass sich ein 
Überangebot an Wohnungen und 
Büroräumlichkeiten entwickeln 
könnte. «Wenn dies der Fall sein 
sollte, könnte das Baugewerbe – zeit- 
lich versetzt – in eine Krise rut- 
schen, und das wäre für den Werk- 
platz fatal.» 
Starker Franken belastet weiterhin 
Aufgrund der Intervention der SNB 
und dem Festnageln des Franken- 
kurses auf 1.20 zum Euro hat sich 
das Währungsproblem zwar etwas 
entschärft und die betroffenen Bran- 
chen wie z. B. die Zulieferbetriebe in 
der Industrie oder der Liechtenstei- 
nische Handel konnten sich ein we- 
nig erholen. Aber das sei nur eine 
Momentaufnahme, sagt Nigg: «Wir 
alle warten auf einen Kursanstieg 
des Euros, am liebsten auf 1.40.» 
Vom Staat erwartet der Wirtschafts- 
kammer-Geschäftsführer die Erhal- 
tung guter Rahmenbedingungen 
und keine Erhöhungen bei den Lohn- 
nebenkosten oder den Steuern. Kon- 
junkturprogramme nützten hinge- 
gen wenig. Die jetzt notwendigen 
Sparpakete und das Zurückfahren 
bei Investitionen in öffentliche Hoch- 
bauten oder Strassenbauprojekte sei 
zwar schmerzlich, allerdings lebe 
das Gewerbe seit jeher vom privaten 
Bausektor. 
Aktionen für die Wirtschaft 
Für ihre Mitglieder bietet die Wirt- 
schaftskammer zahlreiche Förderak- 
tionen. Jürgen Nigg verweist auf die 
«KMU-Werkstatt», neu auf vergüns- 
tigte Wechselkurse durch die VP 
Bank, auf Vorzugskonditionen auf 
der Flugstrecke Wien ab Altenrhein 
und auf Kostensenkungen durch 
Lancierung des Strom-Pools. Von der 
Regierung erhofft sich die Wirt- 
schaftskammer grössenverträgliches 
Handeln. Unter anderem sollten alle 
Richtlinien aus Brüssel vor ihrer Ein- 
führung einer KMU-Verträglichkeits- 
prüfung unterzogen werden. 
Vor allem die Automobilzulieferer kämpften 2012 mit einem Absatzeinbruch im Autohandel. (Foto: Shutterstock) 
Eurokurs vorübergehend über 1.25 Franken – Gewerkschaft 
Unia fordert höheren Mindestkurs – Ökonomen skeptisch 
Wechselkurs Der Euro 
ist erstmals seit Mai 2011 auf 
über 1.25 Franken gestiegen. 
Während Ökonomen der 
Kurshausse nicht recht trauen 
und der Euro prompt wieder 
etwas nachgab, fordert die Ge- 
werkschaft Unia eine sofortige 
Anhebung des Mindestkurses. 
Die Schweizerische Nationalbank 
(SNB) solle die Gelegenheit beim 
Schopf packen und die Untergrenze 
von 1.20 auf 1.25 Fr. erhöhen. Denn 
im Frühling drohe eine weitere Wel- 
le von Massenentlassungen, schreibt 
die Unia in einer Medienmitteilung 
vom Freitag. In der Industrie berei- 
teten mehrere Betriebe die Verlage- 
rung von Arbeitsplätzen aus der 
Schweiz in den Euroraum vor. Auch 
der Tourismus leide, in der Hotelle- 
rie habe dies bereits Tausende von 
Arbeitsplätzen gekostet. Mittelfris- 
tig müsse die Nationalbank weiter- 
hin einen «vernünftigen Wechsel- 
kurs» von gegen 1.40 Fr. je Euro an- 
streben, verlangt die Unia. Auch der 
Schweizerische Gewerkschaftsbund 
(SGB) sieht die Kaufkraftparität bei 
1.35 bis 1.45 Franken, wie Cheföko- 
nom Daniel Lampart auf Anfrage 
sagte. Auch aus Sicht des Wirt- 
schaftsdachverbandes Economiesu- 
isse ist die Landeswährung weiter- 
hin überbewertet, auch wenn durch 
die Entspannung der letzten Tage 
die Exportwirtschaft etwas aufat- 
men könne. Ein fairer Wechselkurs 
müsste je nach zugrunde liegender 
Methodik zwischen 1.27 und 1.42 Fr. 
pro Euro liegen, sagte Economiesu- 
isse-Chefökonom Rudolf Minsch der 
Nachrichtenagentur sda. Die Forde- 
rung der Unia nach einem Mindest- 
kurs von 1.25 Fr. hält Minsch für 
verfehlt. Bei einer weiteren Krise im 
Euroraum müsste die SNB zur Ver- 
teidigung dieser Grenze noch viel 
massiver auf dem Währungsmarkt 
intervenieren, als beim jetzt gelten- 
den Minimum, gab er zu bedenken. 
Bereits am Freitagvormittag sank 
der Euro denn auch wieder unter 
1.25 Franken, nachdem er in der 
Nacht nach robusten Zahlen zur chi- 
nesischen Wirtschaft auf bis zu 
1.257 Fr. geklettert war. Händler 
sprachen von leichten Gewinnmit- 
nahmen. Die gesunkenen Auftrags- 
eingänge der italienischen Industrie 
zeigten, dass die Konjunktur in den 
Eurokrisenländern noch schwach 
sei. Am Nachmittag notierte die eu- 
ropäische Gemeinschaftswährung 
bei 1.245 Franken. Anfang Jahr hat- 
te sie noch bei 1.208 Fr. und damit 
deutlich näher beim SNB-Mindest- 
kurs von 1.20 Fr. gestanden. 
Skeptische Ökonomen 
UBS-Devisenexperte Thomas Flury 
zweifelt daran, dass die Hausse 
nachhaltig ist. Er rechnet damit, 
dass der Kurs sich in den nächsten 
Tagen und Wochen bei 1.21 bis 1.23 
Fr. einpendeln wird. Zwar habe 
sich die Lage in der Eurozone ins- 
besondere bei den Zinsen für 
Staatsanleihen, einigermassen nor- 
malisiert und die Europäische Zen- 
tralbank (EZB) verzichte vorläufig 
auf weitere Zinssenkungen. Es fehle 
aber dennoch der Zinsanreiz für ei- 
ne längerfristige Verlagerung vom 
Franken in den Euro: denn für 
dreimonatige Franken-Anlagen 
liege der Marktsatz derzeit 
bei –0,17 Prozent, beim 
Euro seien es +0,04 
Prozent. Diese Diffe- 
renz habe sich vor der 
Krise nicht auf 0,2 Prozent, 
sondern auf 1 bis 2 Prozent- 
punkte belaufen. Flury verwies 
zudem darauf, dass hinter dem 
Kursanstieg deutlich dünnere Han- 
delsvolumen steckten als bei der 
massiven Flucht in den Franken im 
Sommer 2011 und im Frühling 2012. 
Daher scheine es wenig sinnvoll, 
wenn die SNB jetzt beginnen wür- 
de, in grossem Stil ihren Berg an 
Euros und weiteren Devisen abzu- 
tragen und auf den Markt zu wer- 
fen. 
Fokus auf Italien 
Auch ZKB-Chefökonom Anastassios 
Frangulidis erwartet ein Konsolidie- 
ren des Euro-Kurses auf leicht tiefe- 
rem Niveau. Er rechnet aber nicht 
damit, dass der SNB-Mindestkurs 
bald wieder getestet wird. Ein Un- 
sicherheitsfaktor seien – neben der 
Lage in Zypern – allerdings die an- 
stehenden Wahlen in Italien. Wenn 
der Pro-Euro-Kurs von Ministerprä- 
sident Mario Monti fortgesetzt wer- 
de, könnte sich der Euro dauerhaft 
erholen und sogar nochmals etwas 
stärker werden, sagte Frangulidis. 
Das Aufwertungspotenzial zum 
Franken sei aber begrenzt, denn er 
sehe den «fairen Wechselkurs» bei 
1.25 bis 1.29 Franken. Für die 
Schweiz sei der Euro-Anstieg keine 
schlechte Nachricht, viele Unter- 
nehmen profitierten und gewännen 
Wettbewerbsfähigkeit zurück. Um- 
gekehrt verlören etwa der Einkaufs- 
tourismus oder Reisen ins Ausland 
an Attraktivität.   (sda)
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.