Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2013)

10 | Politik 
SAMSTAG 
2. MÄRZ 2013 
Hintergrund von John Lee* 
Das revanchistische China 
SYDNEY In einer Rede am Center for 
Strategic and International Studies 
in Washington, DC, am 22. Februar 
sagte der japanische Premierminis- 
ter Shinzo Abe seinem Publikum, 
bestehend aus Beamten, Experten 
und Journalisten, Japan sei «zurück» 
und mache in seinem anhaltenden 
Souveränitätsstreit mit China über 
die Senkaku- und Diaoyu-Inseln kei- 
nen Rückzieher. Angesichts zuneh- 
mender chinesischer Provokationen 
bat US-Präsident Barack Obama, 
Abes Gastgeber, beide Seiten um Ru- 
he und Zurückhaltung. 
Kampf gegen ehemaligen Besatzer 
Wahrscheinlich wird Japan – wider- 
strebend – der amerikanischen Auf- 
forderung folgen, da seine Sicherheit 
von der Allianz mit den USA ab- 
hängt. Aber China von einem ruhi- 
gen Kurs zu überzeugen, dürfte viel 
schwieriger sein. Bei Chinas Ent- 
schlossenheit, mit denen das Land 
auf seine Souveränitätsansprüche 
pocht, geht es um mehr als das Be- 
dürfnis, Ressourcen des Meeresbo- 
dens auszubeuten oder seine strate- 
gische Position im westlichen Pazi- 
fik auszubauen. Es geht auch um na- 
tionale Erneuerung und Verjüngung 
– um den Kern der Daseinsberechti- 
gung der kommunistischen Partei 
Chinas. Einem Kampf gegen den 
ehemaligen Besatzer und histori- 
schen Rivalen auszuweichen, würde 
in diesem sechs Jahrzehnte andau- 
ernden Ringen einen Schritt zurück 
darstellen. 
Die Idee chinesischer Erneuerung 
oder Verjüngung wurde in den spä- 
ten 1980er-Jahren durch den damali- 
gen Premierminister Zhao Ziyang 
populär gemacht und kürzlich von 
den Präsidenten Jiang Zemin und Hu 
Jintao wieder aufgegriffen. Vor Kur- 
zem versprach der neue Präsident Xi 
Jinping bei einem Besuch der Aus- 
stellung «Weg zur Erneuerung» im 
chinesischen Nationalmuseum, die 
«grosse Erneuerung der chinesi- 
schen Nation» fortzuführen. Was be- 
deutet «Erneuerung» oder «Verjün- 
gung» für die Chinesen? Alle Natio- 
nen – ob klein oder gross – bauen auf 
einer Kombination von historischen 
Tatsachen und Mythen auf. In die- 
sem Fall liegt der parteiinternen 
Sichtweise der Erneuerung der Glau- 
ben zugrunde, der Zenit chinesi- 
scher Macht unter den Ming- und 
Qing-Dynastien sei für eine 5000 
Jahre alte Zivilisation ein natürli- 
cher, gerechter und dauerhafter Zu- 
stand. 
Grosschina als Ziel 
Als Mao Zedong 1949 die Macht er- 
griff, bestand sein wichtigstes Ziel 
darin, das «Grosschina» der Qing- 
Dynastie (1644 bis 1912) wiederher- 
zustellen. Grundlage dafür war der 
Glaube, das Manchu-geführte Kai- 
serreich sei das permanente und 
dauerhafte China. Der Angriff auf 
die Qing-Dynastie durch ausländi- 
sche Mächte ist zwar eine histori- 
sche Tatsache, aber die Wahrneh- 
mung, es hätte ein einziges, dauer- 
haftes China gegeben, das viele Jahr- 
tausende lang gegen habgierige Aus- 
senseiter gekämpft hat, ist falsch 
und eigennützig. 
Mao erreichte sein Ziel durch die so- 
genannte friedliche Befreiung der 
Republik Ostturkestan (heute Xin- 
jiang) 1949 und die Annektierung 
von Tibet 1950, wodurch Chinas Flä- 
che plötzlich um ein Drittel an- 
wuchs. Und seitdem hielten alle 
Parteiführer des Landes an seiner 
Vision von Grosschina fest – und ver- 
grösserten und erweiterten sie im 
Zuge der wachsenden Macht des 
Landes. Beispielsweise zeigte China 
kaum Interesse an den Senkaku- 
und Diaoyu-Inseln – bis im Jahr 1968 
eine geografische Studie auf riesige 
Ölreserven unter dem Meeresboden 
hinwies. 
Berufung auf Geschichte 
Dasselbe kann über die wachsende 
Schärfe Chinas im Hinblick auf seine 
Ansprüche im südchinesischen Meer 
gesagt werden. Unter ausgiebiger 
Berufung auf ein zweifelhaftes histo- 
risches Anrecht hat China der Kom- 
mission zur Begrenzung des Fest- 
landsockels der Vereinten Nationen 
formal seine Karte mit neun gepunk- 
teten Linien vorgelegt und seitdem 
fast das gesamte südchinesische 
Meer als seiner «unanzweifelbaren 
Souveränität» unterliegend bezeich- 
net. Nachdem China bis auf die zwei 
letzten Jahrhunderte der beiden ver- 
gangenen Jahrtausende Ost- und 
Südostasien immer dominiert hat, 
reibt sich das Land jetzt an der aktu- 
ellen Ordnung souveräner Staaten 
unter der Führung der USA, in der 
das kleinste Land dieselben Rechte, 
Privilegien und Sicherheiten ge- 
niesst wie das grösste. Das moderne 
China hat von dieser Ordnung enorm 
profitiert, aber trotzdem bestehen 
dort grosse Vorbehalte dagegen, 
dass das Land aufgrund seiner enor- 
men Errungenschaften über mehre- 
re Jahrtausende hinweg keinen Son- 
derstatus besitzt. 
Einem Volk mit solch tiefen Über- 
zeugungen bezüglich seiner morali- 
schen Überlegenheit, historischen 
Errungenschaften und unrechten 
Behandlung durch fremde Mächte 
muss dieser Zustand ungerecht und 
unnatürlich erscheinen. Der Rück- 
zug von einem Territorialstreit mit 
kleineren und unterlegenen Staaten 
würde nicht als ein Schritt hin zu 
langfristiger regionaler Stabilität an- 
gesehen, sondern als demütigende 
Niederlage. Darüber hinaus bedeu- 
tet die expansionistische, grosschi- 
nesische Sichtweise wahrscheinlich, 
dass eine Lösung des Streits um die 
Senkaku- und Diaoyu-Inseln zuguns- 
ten Chinas die Ambitionen des Lan- 
des weiter anstacheln anstatt befrie- 
digen würde. Als Nächstes könnten 
dann die Ansprüche im südchinesi- 
schen Meer in den Vordergrund rü- 
cken. 
China will Ordnung ändern 
Während Obama und Abe gemein- 
sam versuchen, Chinas Aufstieg 
friedlich zu gestalten, müssen sie ver- 
stehen, dass Chinas Konzept von Er- 
neuerung die Wiederauferstehung ei- 
ner glorreichen Vergangenheit bein- 
haltet und dass dazu keine Bestäti- 
gung der bestehenden regionalen 
Ordnung gehört, sondern eine Ände- 
rung. Dies bedeutet, dass sie, wenn 
sie schon Chinas Ambitionen nicht 
eindämmen können, zumindest die 
strategischen und militärischen Opti- 
onen des Landes begrenzen müssen. 
*  John Lee ist Wissenschaftler und Professor am 
Center for International Security Studies der 
Universität von Sydney. 
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff . 
Copyright: Project Syndicate, 2013, 
www.project-syndicate.org 
China geht es beim anhaltenden Streit mit Japan um die Senkaku- und Diaoyo- 
Inseln nicht nur um Souveränitätsansprüche. (Foto: VMH) 
Vatikan verwaist, Papst gesucht 
Konklave Papst gesucht! Die katholische Weltkirche ist kopfl os, Joseph Ratzinger ein Papst ausser Dienst. Von seiner Residenz 
Castel Gandolfo aus kann er in den nächsten Tagen mitverfolgen, wie die Suche nach seinem Nachfolger Fahrt aufnimmt. 
VON HANNS-JOCHEN KAFFSACK, DPA 
Ein 
«harmonisches Orches- 
ter» sollten sie bitte sein, so 
hat er es seinen Kardinälen 
zum Abschied noch gera- 
ten. Doch diesen Ratschlag dürfte so 
mancher Purpurträger in den Wind 
schlagen. Das Kardinalskollegium 
erwartet ein ganzer Berg brisanter 
Fragen, wenn es von Montag an in 
der Synoden-Aula des Vatikans das 
Konklave vorbereitet. Knapp acht 
Jahre nach der letzten Wahl eines 
Pontifex geht es um nicht weniger 
als den zukünftigen Kurs der Kirche. 
Alle Welt spricht zwar inzwischen 
davon, dass die Zeit gekommen sei, 
der geopolitischen Kräfteverschie- 
bung endlich Rechnung zu tragen 
und einen afrikanischen, asiati- 
schen oder lateinamerikanischen 
Pontifex auf den Stuhl Petri zu set- 
zen. Auf diesen Kontinenten wächst 
die Kirche der 1,2 Milliarden Gläubi- 
gen, ist sehr lebendig. Die einstige 
katholische Hochburg Europa zeich- 
net sich hingegen zunehmend durch 
Glaubensferne aus. 
Allerdings dürften europäische – 
und dabei vor allem italienische – 
Kardinäle den Kurs ganz wesentlich 
bestimmen, wenn die bis zu 115 
Wahlberechtigten in der Sixtini- 
schen Kapelle abstimmen. Schon die 
Frage, wann die Wahl des Benedikt- 
Nachfolgers beginnen soll, kann kir- 
chenpolitische Tragweite haben. Im 
offiziellen Brief des Kardinaldekans 
Angelo Sodano an die mehr als 200 
Kardinäle steht es klipp und klar – 
erst wenn alle Wahlberechtigten 
versammelt sind, soll darüber ent- 
schieden werden. 
Eine ganze Menge Purpurträger ha- 
ben schon davor gewarnt, sich gleich 
in die Wahl zu stürzen. Vieles sei 
vorher zu diskutieren – die Krisen 
des Vatikans in Benedikts Pontifikat 
und die Lage der Weltkirche –, um 
dann personelle Profile zu erstellen. 
Europäer haben durchaus Chancen 
Eine überstürzte Wahl strebt mögli- 
cherweise an, wer rasch einen Kan- 
didaten durchboxen will. Das Kandi- 
datenkarussell dreht sich in Rom, 
und es könnte sehr wohl ein Europä- 
er sein, der da bald auf dem Stuhl 
Petri sitzt. Nicht nur sind 60 Papst- 
Wähler europäisch. Die «alte Welt» 
stellt mögliche Anwärter wie den 
Erzbischof von Budapest, Peter 
Erdö, den Wiener Erzbischof Chris- 
toph Schönborn oder dessen Mailän- 
der Kollegen Angelo Scola. Den Wie- 
ner nennen italienische Medien «rat- 
zingeriano» – was auch daran erin- 
nert, dass mehr als die Hälfte der 
Papst-Wähler von Benedikt ernannt 
wurden. 
Grosses Gewicht vor der Stimmabga- 
be haben auch die erfahrenen über 
80-jährigen Purpurträger. «Sie wäh- 
len nicht, aber sie zählen», auf diese 
kurze Formel bringt es die Turiner 
Zeitung «La Stampa». 
Eine «unterschwellige» Botschaft 
habe Benedikt den Kardinälen je- 
denfalls nicht für das Konklave mit 
auf den Weg gegeben, beteuert der 
Bostoner Erzbischof Sean O’Malley. 
Er gilt neben dem Kanadier Marc 
Ouellet und dem New Yorker Kardi- 
nal Timothy Dolan durchaus auch 
als «papabile», als papsttauglich. 
Fällt die Wahl der Kardinäle auf ei- 
nen Papst aus der nördlichen Hemi- 
sphäre, dann stünden die Chancen 
nicht schlecht, dass kein allzu kon- 
servativer Pontifex den Bewahrer 
Benedikt ablöst. Für den Zukunfts- 
kurs der Kirche könnte entschei- 
dend sein, dass der nächste Papst 
den «Apparat» in Rom kennt – und 
reformiert. 
Vorteile eines späteren Beginns 
Zunächst einmal geht es in der 
nächsten Woche aber darum, wann 
die mit Spannung erwartete Papst- 
wahl beginnen kann und soll – be- 
reits am 11. März etwa? Oder doch 
erst nach der sonst üblichen Warte- 
zeit von 15 Tagen? Der in Rom tätige 
deutsche Kirchenrechtler Markus 
Graulich plädierte für einen Beginn 
erst am 16. März. Dies sagte er ge- 
genüber «Radio Vatikan». Dann hät- 
ten die in Rom schon versammelten 
Kardinäle genug Zeit, im «Vor-Kon- 
klave» zu klären, was sie vom künfti- 
gen Oberhirten erwarten und was 
anders werden soll. Das Konklave 
selbst könnte dann umso kürzer aus- 
fallen. 
Ein Schweizer Gardist 
schliesst die Pforten 
des Apostolischen 
Palastes von Castel 
Gandolfo bei Rom und 
markiert damit das 
Ende des Pontifi kats 
von Papst Benedikt 
XVI. (Foto: VMH) 
Gegen grosse Koalition 
Bersani will nicht mit 
Berlusconi regieren 
ROM Der Chef von Italiens Mitte- 
links-Allianz, Pier Luigi Bersani, will 
nach dem schwierigen Ausgang der 
Parlamentswahl eine Minderheitsre- 
gierung führen. Eine Koalition mit 
dem rechtsgerichteten Bündnis von 
Exministerpräsident Silvio Berlusco- 
ni schliesst Bersani aus. Er werde al- 
le Parteien im Parlament um das Ver- 
trauen für sein Mitte-links-Bündnis 
bitten, sagte Bersani der römischen 
Tageszeitung «La Repubblica». Als 
zentrale Punkte seines Programms 
nannte er eine Neuausrichtung der 
europäischen Politik auf Wachstum, 
die Bekämpfung sozialer Missstände 
durch die Ausweitung staatlicher 
Hilfen und eine Verringerung der 
Kosten im politischen Führungsap- 
parat.   (sda) 
Absage 
Deutscher Bundesrat 
lehnt Fiskalpakt ab 
BERLIN Neues Ärgernis für Eurorette- 
rin Merkel: Die Bundeskanzlerin 
kann ihren in Europa durchgebox- 
ten Fiskalpakt in Deutschland vor- 
erst nicht in die Praxis umsetzen. 
Die Bundesländer stellen sich quer. 
Die Opposition nutzte ihre neue 
Mehrheit in der Länderkammer und 
lehnte ein entsprechendes Gesetz 
ab. Die Bundesländer fordern mehr 
Geld vom Staat als Ausgleich für Be- 
lastungen aus dem Fiskalpakt. Nun 
müssen Bundestag und Bundeslän- 
der im Vermittlungsausschuss nach 
einem Kompromiss suchen.   (sda) 
Unheilbarer Krebs 
Hugo Chávez 
ringt mit dem Tod 
CARACAS Venezuelas krebskranker 
Staatschef Hugo Chávez kämpft nach 
Angaben seines Stellvertreters um 
sein Leben. Der Präsident «kämpft 
um seine Gesundheit, um sein Le- 
ben, und wir begleiten ihn», sagte 
Vizepräsident Nicolás Maduro im 
Staatsfernsehen. Seit seiner vierten 
Krebsoperation Mitte Dezember ist 
der 58-jährige Präsident nicht mehr 
öffentlich aufgetreten.   (sda)
	        

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