Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2009)

AUSLAND 
VOLKSBLATT 
12 FREITAG, 30. OKTOBER 2009 
Clinton kritisiert 
Pakistan 
LAHORE – US-Aussen- 
ministerin Hillary Clinton 
hat erstmals die Kooperati- 
onsbereitschaft Pakistans 
im Kampf gegen den Ter- 
rorismus offen infrage gestellt. «Ich finde es 
schwer zu glauben, dass niemand in Ihrer 
Regierung weiss, wo die Al-Kaida-Chefs 
sich befinden», sagte Clinton zu Journa- 
listen in Lahore. 
EU-Gipfel nimmt tschechische 
Bedingungen für Reform an 
BRÜSSEL – Der EU-Gipfel hat am Don- 
nerstagabend die tschechischen Bedin- 
gungen zur Ratifizierung des Lissabon-Ver- 
trages angenommen und damit die vorletzte 
Hürde vor Inkrafttreten der Reform aus dem 
Weg geräumt. Wie aus Diplomatenkreisen 
verlautete, soll Tschechien mit einer Son- 
derklausel garantiert werden, dass die 
Grundrechte-Charta des Lissabon-Vertrages 
nicht zu Regressforderungen von nach dem 
Zweiten Weltkrieg vertriebenen Sudenten- 
deutschen führt. Präsident Vaclav Klaus 
hatte die Klausel zur Bedingung für seine 
Unterschrift gemacht. Vor der Ratifizierung 
muss das tschechische Verfassungsgericht 
in der kommenden Woche noch entschei- 
den, ob der Lissabon-Vertrag verfassungs- 
konform ist. Danach will Klaus keine wei- 
teren Forderungen stellen. 
NACHRICHTEN 
Unter grosser öffent- 
licher Aufmerksamkeit hat US- 
Präsident Barack Obama der An- 
kunft von 15 in Afghanistan ums 
Leben gekommenen US-Solda- 
ten und drei US-Drogenfahn- 
dern in der Heimat beigewohnt. 
Obama besuchte den Luftwaf- 
fenstützpunkt Dover im Bundes- 
staat Delaware, als die Särge aus 
Afghanistan eintrafen. Er sprach 
auch mit Angehörigen der Ver- 
storbenen. Mit dem Besuch 
brach der US-Präsident mit 
der Politik seines Vorgängers 
George W. Bush, der die Me- 
dienberichterstattung über die 
Heimkehr getöteter US-Soldaten 
stark eingeschränkt hatte. 
FOTO 
REUTERS 
Kastration für Sextäter 
Diskussion in Frankreich: Soll chemische Keule für Sexualstraftäter verpflichtend sein? 
PARIS – Hätte der Tod von Marie- 
Christine Hodeau verhindert wer- 
den können? Diese Frage be- 
schäftigt Frankreich seit Tagen. 
Ein verurteilter Sexualstraftäter hat 
der 42-Jährigen beim Joggen auf- 
gelauert, sie entführt und ermordet. 
Nach der schrecklichen Tat kündig- 
te die konservative Regierung um- 
gehend an, bei Sextätern künftig 
verstärkt die chemische Kastration 
einzusetzen. 
Vorzeitig entlassen 
Der Fall von Hodeau hielt Frank- 
reich zwei Tage in Atem, weil das 
Opfer aus dem Kofferraum seines 
Mörders per Handy noch einen 
Notruf absetzen konnte. Das ganze 
Land hoffte, dass sie noch lebend 
gefunden würde, praktisch jede 
Zeitung druckte ihr Bild. Ihre Lei- 
che wurde schliesslich nackt in 
einem Waldstück entdeckt. Ihr 
Mörder Manuel R. gestand, sie er- 
würgt zu haben. Der 47-Jährige war 
2002 zu elf Jahren Haft verurteilt 
worden, weil er ein 13-jähriges 
Mädchen aus der Nachbarschaft 
vergewaltigt hatte. 2007 kam er un- 
ter Auflagen vorzeitig aus dem Ge- 
fängnis, ab 2008 war er vollkom- 
men frei. 
Präsident Nicolas Sarkozy emp- 
fing die Familie des Opfers und 
verlangte härtere Strafen für Wie- 
derholungstäter. Premierminister 
François Fillon sprach von einem 
«absolut unausstehlichen Verbre- 
chen, das hätte verhindert werden 
können». Die chemische Kastrati- 
on, die es für inhaftierte Straftäter 
bereits auf freiwilliger Basis gibt, 
müsse «zwingender» werden. 
Die oppositionellen Sozialisten 
werfen der Regierung vor, «unpas- 
send» zu reagieren. Und auch in 
der Regierungspartei UMP warnen 
einige davor, auf die Empörung in 
der Bevölkerung mit überstürzten 
Massnahmen zu reagieren. «So ei- 
ne Frage entscheidet man nicht 
nach einem Drama, so schrecklich 
es auch sein mag», sagt der Abge- 
ordnete François Goulard. 
Medikament «bremst» 
Bisher können Gefangene in 
Frankreich freiwillig einer che- 
mischen Kastration zustimmen, bei 
der Medikamente den Sexualtrieb 
«bremsen». Brechen sie die Be- 
handlung ab, die alle drei Monate 
erneuert werden muss, können sie 
nicht auf eine vorzeitige Entlassung 
hoffen. 
Experten warnen davor, die Hor- 
monbehandlung als Allheilmittel 
anzusehen. «75 bis 80 Prozent der 
Sexualstraftäter werden nicht rück- 
fällig», sagt der Kriminologe Ro- 
land Coutanceau. «Man muss sich 
auf die konzentrieren, die ein Rück- 
fallrisiko haben.» Innerhalb einer 
Therapie könne der Einsatz der 
Sexblocker ein «nützliches Werk- 
zeug» sein. Für Serge Stoleru vom 
staatlichen Gesundheitsforschungs- 
institut Inserm führt aber auch in 
Zukunft an der Freiwilligkeit kein 
Weg vorbei. «Die Verabreichung 
der Medikamente kann nicht ohne 
Einwilligung des Patienten erfol- 
gen.» 
Das dämmert auch der Regierung. 
Justizministerin Michele Alliot-Ma- 
rie will aber den Druck erhöhen. Die 
chemische Kastration soll nicht nur 
Voraussetzung für eine vorzeitige 
Entlassung sein, sie soll danach auch 
ausserhalb des Gefängnisses fortge- 
setzt werden, ansonsten muss der Se- 
xualtäter zurück ins Gefängnis. 
Mordopfer Marie-Christine Hodeau. 
Justizministerin Alliot-Marie. 
HINTERGRUND: TALIBAN UND 
AL-KAIDA 
IN AFGHANISTAN UND PAKISTAN 
In Afghanistan und Pakistan ist ein 
kompliziertes Geflecht aufstän- 
discher und terroristischer Gruppen 
entstanden. 
Taliban in Afghanistan: Im Bürger- 
krieg nach dem Abzug der sowje- 
tischen Truppen entsteht Anfang der 
90er-Jahre die Taliban-Miliz. Die 
«Schüler» werden von Pakistan un- 
terstützt, viele der islamischen Fun- 
damentalisten wurden im Nachbar- 
land ausgebildet. 1996 gelangen sie 
an die Macht und setzen strenge isla- 
mische Sitten durch. Angeführt von 
Mullah Omar beherbergen sie in den 
Jahren bis zu den Anschlägen vom 
11. September 2001 Al-Kaida-Chef 
Osama bin Laden. Nach dem Ein- 
greifen der USA stürzt Ende 2001 
das Taliban-Regime. Heute wird die 
Zahl der Taliban auf rund 25 000 ge- 
schätzt. Mullah Omar ist flüchtig. 
Die al-Kaida unterhält auch Ver- 
bindungen zum Netzwerk um Jala- 
luddin Hakkani und seinen Sohn Si- 
radsch – Afghanen, die vom pakista- 
nischen Waziristan aus den Kampf 
gegen die US-Truppen in Ostafgha- 
nistan steuern. 
Taliban in Pakistan: Die Pakista- 
nische Taliban-Bewegung (Tehrik-e- 
Taliban Pakistan) ist neueren Da- 
tums. Der lockere Verbund verschie- 
dener Stammes- und Regionalgrup- 
pen wurde von Baitullah Mehsud zu- 
sammengeführt und ist vor allem in 
den Stammesgebieten im Nordwes- 
ten beheimatet, wo er vermutlich ho- 
hen al-Kaida-Kadern und auch Bin 
Laden selbst Unterschlupf bietet. 
Mehsud wurde im August bei einem 
Raketenangriff in Nordwestpakistan 
getötet und von seinem militärischen 
Befehlshaber Hakimullah Mehsud 
ersetzt. Die Mitgliederzahl der pakis- 
tanischen Taliban im Grenzgebiet 
geht nach US-Schätzungen in die 
Tausende. 
Al-Kaida: Das Terrornetzwerk wird 
1988 von Osama bin Laden gegrün- 
det mit dem erklärten Ziel, die Mus 
lime zum einen, um den Westen zu 
bekämpfen und ein islamisches Kali- 
fat ins Leben zu rufen. Auf das Kon- 
to der Organisation gehen die An- 
griffe mit Verkehrsflugzeugen auf 
das World Trade Center und auf das 
Pentagon 2001 sowie zahlreiche wei- 
tere blutige Anschläge. Im Irak ist 
das Netzwerk, dessen Name in etwa 
«die Basis» bedeutet, inzwischen ge- 
schwächt und dezimiert, doch sind in 
Afrika und Indonesien Ableger nach- 
gewachsen. 
Im afghanisch-pakistanischen 
Raum soll die al-Kaida einige Hun- 
dert Köpfe zählen. 
Das Taliban-Al-Kaida-Netzwerk 
Das komplizierte Geflecht aufständischer und terroristischer Gruppen 
Anschlag in Pakistan: Die Taliban nehmen auch auf die eigene Bevölkerung 
keine Rücksicht. 
FOTO 
AP 
Polizei erschiesst Anführer 
von Islamistengruppe 
DETROIT – Polizisten haben bei einem 
Einsatz nahe Detroit im US-Staat Michigan 
den Anführer einer radikalen Islamisten- 
gruppe getötet. Der 53-Jährige hatte sich in 
einer Lagerhalle seiner Festnahme wider- 
setzt und auf die Beamten geschossen. Ihm 
wurde unter anderem der illegale Besitz und 
Verkauf von Schusswaffen vorgeworfen. 
Ziel der sunnitischen Gruppe war nach FBI- 
Angaben die Errichtung eines islamischen 
Staats innerhalb der USA. Der Imam war 
ein früherer Häftling und hatte seine Anhän- 
ger zu Gewalttaten gegen die Vereinigten 
Staaten aufgerufen. 
Beamte der Bundespolizei FBI haben den 
Imam bei einem Schusswechsel getötet.
	        

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