Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2009)

WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN FÜR DAS RHEINTAL 
WIRTSCHAFT 
Freitag, 18. September 2009 Seite 9 
Wohlstand global verteilen 
CIPRA-Jahresfachtagung unter dem Thema «Wachstum auf Teufel komm raus?» 
GAMPRIN – Als hätten die Organi- 
satoren die Wirtschafts- und Fi- 
nanzkrise vorausgeahnt, widmet 
sich die 53. Jahresfachtagung der 
Alpenschutzkommission CIPRA in 
Gamprin den Grenzen und Chan- 
cen des globalen Wachstums. 
• Johannes Mattivi 
Der Mann ist fast ein Optimist – 
Franz Josef Radermacher, Uni-Pro- 
fessor in Ulm und Mitglied des 
Club of Rome, schätzt die Chance 
auf eine künftige ökologische Welt- 
katastrophe auf nur 15 Prozent. 
Und wenn es der Menschheit gelingt, 
eine neue unerschöpfliche und um- 
weltfreundliche Energiequelle zu 
erschliessen (Radermacher plädiert 
für Tiefengeothermie), dann könnte 
der Planet auch die für 2050 pro- 
gnostizierte Weltbevölkerung von 
10 Milliarden Menschen verkraf- 
ten. Aber vielleicht sollte man auch 
die reiche westliche Welt zuguns- 
ten des Südens etwas ärmer ma- 
chen – dann wäre das Resourcen- 
problem ebenfalls gelöst und auf 
dem Globus würde endlich Vertei- 
lungsgerechtigkeit herrschen. 
Neue Ideen für die Alpen 
Mit etlichen provokanten Thesen 
eröffnete Gastreferent Franz Josef 
Radermacher gestern Abend die in- 
ternational besetzte CIPRA-Jahres- 
fachtagung in Gamprin. Zwei Tage 
lang sollen hier in Referaten und 
Workshops neue Lösungsansätze 
für eine nachhaltige Zukunft in den 
Alpen diskutiert werden. Denn 
auch im Alpenraum stösst das 
Wachstum an seine Grenzen. Stei- 
gender Energiekonsum und CO2 
Ausstoss, wachsende Mobilität, zu- 
nehmender Boden- und Land- 
schaftsverbrauch sowie der sich ab- 
zeichnende Klimawandel stellen 
die Zukunft der Alpen infrage. Der 
Ausweg liegt wohl nur in einer Be- 
grenzung des Wachstums, vielleicht 
sogar in einem «glücklichen 
Schrumpfen», wie die Untertitel 
mehrerer Referate an diesem Wo- 
chenende verraten. 
Dosiertes weltweites Wachstum 
Die Erhaltung der Umwelt ist 
nicht nur eine Frage der Ökologie, 
Wohlstand nicht nur eine Frage der 
Ökonomie. Nachhaltigkeit besteht 
laut Franz Josef Radermacher in ei- 
ner Balance zwischen Ökologie, 
Ökonomie und Sozialem. Die Re- 
sourcenverteilung ist jedoch, wie 
jeder weiss, im Ungleichgewicht – 
deutlich zwischen den reichen und 
armen Gegenden der Welt, aber 
auch zwischen der schmalen Elite 
und dem Durchschnitt der Bevölke- 
rung innerhalb der westlichen Welt. 
Angesichts von drei Milliarden 
Menschen auf der Welt, die von 
weniger als zwei Dollar pro Tag le- 
ben müssen, und 24 Millionen Hun- 
gertoten täglich wäre es zynisch, 
für ein Ende jeglichen Wachstums 
zu plädieren. Mindestens die Är- 
meren bräuchten das Wachstum, 
will man ihnen einen Anteil am 
weltweiten Wohlstand zugestehen. 
Die Frage ist allerdings, ob sich die 
westliche Welt in ihrem Wachstum 
und Wohlstand einschränken will. 
Und natürlich auch, ob der Norden 
bereit ist, demokratische Mitbe- 
stimmung weltweit gelten zu las- 
sen. Bislang ist es kaum vorstellbar, 
dass die Führungseliten des Wes- 
tens der Masse der Chinesen oder 
Afrikaner für die weitere Entwick- 
lung je eine gleichberechtigte Stim- 
me zubilligen würden. Und was das 
Wohlstandsniveau betrifft, kann na- 
türlich der derzeit resourcenver- 
schlingende Westen nicht der Mass- 
stab für die Entwicklung der ande- 
ren Weltgegenden sein. Trotz seiner 
ökoeffizienten Technologie ist der 
reiche Westen mit nur 700 Mio. 
Menschen für die Hälfte der welt- 
weiten Klimabelastung verantwort- 
lich. Weil im Westen einfach mehr 
produziert wird. 
Radermacher hält ein dosiertes 
Wachstum mit kontinuierlich ab- 
nehmenden Raten im Norden wie 
im Süden für vertretbar. Ein Wachs- 
tum in Rahmen einer ökosozialen 
Marktwirtschaft, das mit redu- 
ziertem Resourcenverbrauch aus- 
kommt. Dazu setzt Radermacher 
ganz optimistisch auf den Erfin- 
dungsreichtum künftiger Generati- 
onen. 
F. J. Radermacher stellte zu Beginn der CIPRA-Tagung provokante Thesen zum Thema Wachstum in den Raum. 
FOTO 
PAUL 
TRUUMMER 
Angela Merkel an der IAA in Frankfurt 
Wirtschaft / 10 
Schweizer Börse schliesst fester 
Wirtschaft / 14 
NEWSMIX 
SNB lässt Leitzins 
unverändert bei 0,25 Prozent 
BERN – Trotz Gefahr einer anziehenden 
Teuerung will die Schweizerische National- 
bank (SNB) die Wirtschaft weiterhin gross- 
zügig mit Geld versorgen. Sie hat am Don- 
nerstag wie erwartet beschlossen, den Leit- 
zins bei 0,25 Prozent zu belassen. Zuletzt 
lag der Dreimonats-Libor hartnäckig bei 0,3 
Prozent. Die SNB kann diesen Zins, den 
sich Geschäftsbanken untereinander für un- 
gedeckte Kredite verrechnen, nur indirekt 
steuern. Wegen der expansiven Geldpolitik 
nimmt die Inflationsgefahr zu. Die SNB er- 
wartet, dass die Teuerung in diesem Jahr 
–0,5 Prozent beträgt. In den Jahren 2010 
und 2011 dürfte die Inflationsrate auf 0,6 
und 0,9 Prozent steigen. (sda) 
Verzicht auf Lohnerhöhungen 
ZÜRICH – Angesichts der Wirtschaftskrise 
verzichtet der Verband Angestellte Schweiz 
auf Lohnerhöhungen, wenn dafür die Ar- 
beitsplätze in der Maschinen-, Chemie- und 
Pharmaindustrie gesichert werden. Unter 
anderem fordert der Verband die befristete 
Verlängerung der Kurzarbeit auf zwei Jahre. 
Die Unternehmen der Maschinen-, Metall-, 
Elektroindustrie (MEM) sowie der Chemie 
und Pharma sollten wenn immer möglich 
auf Entlassungen verzichten, betonte die 
Verbandsspitze am Donnerstag vor den Me- 
dien in Zürich. Zudem müsse die Kaufkraft 
erhalten bleiben, sagte der Geschäftsführer 
von Angestellte Schweiz, Stefan Studer. 
Firmen müssten von der Politik belohnt 
werden, wenn sie sich sozial verhielten und 
statt auf Entlassungen auf Kurzarbeit, flexi- 
ble Arbeitszeitmodelle, Sabbatjahre oder 
auf unbezahlte Ferientage setzten. Es gehe 
um die Verbesserung der Arbeitsbedin- 
gungen und Arbeitsmarktfähigkeit durch 
Weiterbildungsangebote oder Gesundheits- 
leistungen. (sda) 
IWF sieht globale 
Erholung «dämmern» 
WASHINGTON – Der Internationale Wäh- 
rungsfonds (IWF) sieht die Weltwirtschaft 
auf einem Erholungskurs. Arme Länder hät- 
ten sich bei der Bewältigung der Krise bes- 
ser geschlagen als erwartet, sagte IWF-Di- 
rektor Dominique Strauss-Kahn am Don- 
nerstag. Trotzdem benötigen sie laut dem 
Franzosen umfangreiche Hilfe, um die 
schlimmsten Auswirkungen zu begrenzen. 
Die armen Länder blieben höchst verwund- 
bar und die finanziellen Erfordernisse gross. 
Seiner Einschätzung nach werden bis Ende 
2010 rund 55 Milliarden Dollar Hilfen be- 
nötigt, um die Lasten zu mildern. (sda) 
Hochverdiener? 
Bau von Breitbandnetzen fördern 
Europäische Union erleichtert staatliche Förderung von Breitbandnetz-Ausbau 
BRÜSSEL – Die EU will die staatli- 
che Förderung für einen flächen- 
deckenden Ausbau schneller Da- 
tennetze ankurbeln. Dazu be- 
schloss die EU-Kommission in 
Brüssel am Donnerstag Leitlinien 
für Staatsbeihilfen an Telekom- 
munikationsfirmen. 
Geregelt wird darin, wie öffentliche 
Mittel zum Ausbau von Breitband- 
netzen in Gebieten gewährt werden 
können, in denen sich Investitionen 
für private Betreiber nicht lohnen. 
EU-Wettbewerbskommissarin Nee- 
lie Kroes sagte, im kommenden 
Jahrzehnt seien bis zu 300 Mrd. Eu- 
ro an Investitionen in die Hoch- und 
Höchstgeschwindigkeitsnetze zu er- 
warten. Diese müssten vorwiegend 
von den Unternehmen aufgebracht 
werden. Doch könne der Staat den 
Netzausbau in unrentablen länd- 
lichen Gebieten unterstützen. Die 
Leitlinien gelten sowohl zur Förde- 
rung der bereits verbreiteten Hoch- 
geschwindigkeitsnetze mit DSL- 
Technik, Kabel, Satelliten und 
drahtlosen Datenverbindungen als 
auch für die noch schnelleren Glas- 
fasernetze der nächsten Generation. 
Eine Milliarde Euro reserviert 
Die Mitgliedstaaten müssen fest- 
legen, welche Regionen als «graue» 
oder als «weisse» Bereiche förde- 
rungsfähig sind. In den grauen Zo- 
nen gibt es zwar schon Breitband- 
versorgung, doch sie ist unzurei- 
chend. Die weissen Flecken sind 
dünn besiedelte ländliche Gebiete, 
die bisher völlig aussen vor blieben. 
Investoren in den weissen Gebieten 
können leichter an staatliche Unter- 
stützung kommen als in den grauen 
Zonen. Generell gilt, dass Aufträge 
über offene Ausschreibungsverfah- 
ren vergeben werden müssen, oder 
dass die subventionierten Unterneh- 
men einen Zugang Dritter zum 
Breitbandnetz garantieren. 
Im Rahmen ihres gemeinsamen 
Konjunkturprogramms reser- 
vierten die EU-Staaten im März 
gut eine Milliarde Euro zum Breit- 
bandausbau in ländlichen Gebie- 
ten. Bis Ende kommenden Jahres 
sollen alle Bürger in der EU Zu- 
gang zu den schnellen Datenlei- 
tungen bekommen. (sda) 
EU-Wettbewerbskommissarin Nee- 
lie Kroes. 
IKEA spürt die Wirtschaftskrise 
Wirtschaft / 10
	        

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