Volltext: Liechtensteiner Volksblatt (2009)

AUSLAND 
VOLKSBLATT 
6 FREITAG, 17. JULI 2009 
Freundlich, aber bestimmt antwor- 
tete die neu gewählte litauische Präsidentin 
Dalia Grybauskaite in Stockholm auf Fra- 
gen von Journalisten. Die erste Auslandsrei- 
se führte Grybauskaite nach Schweden zu 
Fredrik Reinfeldt, dem neuen EU-Ratsprä- 
sidenten. 
HINTERGRUND ÜBER TODESMUTIGE MENSCHENRECHTSAKTIVISTEN IN RUSSLAND 
GROSNY – Die russische Men- 
schenrechtlerin Natalja Estemirowa 
wusste wie die 2006 ermordete Jour- 
nalistin Anna Politkowskaja, dass der 
Kampf um mehr Gerechtigkeit in ih- 
rer Heimat lebensgefährlich ist. Mit 
ihren Berichten über grobe Men- 
schenrechtsverstösse in der rus- 
sischen Teilrepublik Tschetschenien, 
dem früheren Kriegsgebiet, machte 
sie sich viele Feinde. Auf Bitten ein- 
facher Leute ging die 50-Jährige Ver- 
misstenfällen nach, sammelte Hin- 
weise auf Entführungen, Folter und 
sogar Morde und setzte sich für den 
Schutz von Kriegsopfern ein. 
Die unbekannten Täter zerrten Este- 
mirowa am Mittwochmorgen in der 
tschetschenischen Hauptstadt Grosny 
in ein Auto, kurz nachdem sie ihre 
Wohnung verlassen hatte. Die Men- 
schenrechtsorganisation Memorial 
alarmierte umgehend über das Ver- 
schwinden. Als Informantin war Este- 
mirowa vielen westlichen Journalisten 
vertraut. Doch wer mit ihr sprechen 
wollte, musste sich oft an geheimen 
Orten mit ihr verabreden. 
Bei Telefonaten mit Estemirowa 
brach stets innerhalb weniger Minu- 
ten die Leitung zusammen. Weil 
tschetschenische Sicherheitskräfte sie 
oft bedrängten und sogar in Anwesen- 
heit westlicher Journalisten be- 
schimpften, redete sie oft schnell über 
die vielen Verbrechen, die nie aufge- 
klärt würden. Der studierten Histori- 
kerin, die eine Zeit lang als Lehrerin 
arbeitete, blieb nie viel Zeit. Sie war 
stets gehetzt und starb nun ähnlich 
wie viele Tschetschenen, deren 
Schicksal sie ermittelt hatte. Ihre Mör- 
der hinterliessen die Leiche mit den 
zahlreichen Schüssen am Rande einer 
Fernstrasse in der tschetschenischen 
Nachbarrepublik Inguschetien. 
Mächtige Feinde 
Erst jüngst ging Estemirowa dem 
gewaltsamen Tod einer jungen Frau in 
Tschetschenien nach und kritisierte, 
dass die Gewalt in der Region wieder 
drastisch zugenommen habe. Fast täg- 
lich sterben bei Kämpfen russischer 
Sicherheitskräfte und islamistischer 
Rebellen im Nordkaukasus Men- 
schen. Tschetscheniens Präsident Ka- 
dyrow, der Estemirowa selbst für ihre 
Arbeit kritisierte, kündigte einen har- 
ten Kampf gegen die Untergrund- 
kämpfer an. Auf der Suche nach mut- 
masslichen Terroristen werden nach 
Angaben von Menschenrechtlern im- 
mer wieder auch unbescholtene Bür- 
ger verschleppt und gefoltert, die Auf- 
schlüsse über den Aufenthalt ihrer 
Angehörigen geben sollen. 
Für Memorial besuchte Estemiro- 
wa oft Gefängnisse, die seit Jahren in 
der internationalen Kritik stehen. 
Wie wenige kannte sie die Missstän- 
de von allen Seiten. Tschetscheniens 
Bürger wandten sich immer wieder 
mit der Bitte an die zarte Frau, den 
Vermisstenfällen nachzugehen und 
ihnen zu helfen – vor Gericht und bei 
Behördengängen. Mit Natalja Este- 
mirowa starb auch die Hoffnung auf 
Recht und Gerechtigkeit. 
Kämpferin für Gerechtigkeit 
Mit Natalja Estemirowa starb die Hoffnung vieler einfacher Leute 
Osteuropa warnt vor Russland 
WARSCHAU – Solch einen Brief hat es 
seit der Wende 1989 noch nicht gegeben. 
Eine Gruppe ehemaliger Präsidenten, Re- 
gierungschefs und Minister aus Ländern 
des ehemaligen Ostblocks warnt US-Präsi- 
dent Obama vor einer «weichen Russland- 
Politik». Russland sei als «revisionistische 
Macht» auf die Weltbühne zurückgekehrt, 
die ihre «Agenda aus dem 19. Jahrhundert 
mit Taktiken und Methoden des 21. Jahr- 
hunderts verfolgt». 
Aktion gegen Zwangsheirat 
TÜBINGEN – Mit der Internetseite www. 
zwangsheirat.de will die Menschenrechts- 
organisation Terre des femmes Mädchen 
und Frauen helfen, sich gegen eine Zwangs- 
heirat zu wehren. 
Doku über Kim Jong Il 
SEOUL – Der gesundheitlich 
angeschlagene nordkoreanische 
Machthaber Kim Jong Il will 
sein Leben in einer Dokumen- 
tarreihe verfilmen lassen. Die 
erste Folge mit dem Titel «Ich 
werde Korea Ruhm bringen» ist bereits fer- 
tig. Nordkorea gehört zu den ärmsten Län- 
dern der Welt und ist weltweit isoliert. 
Ahmadinedschad droht Westen 
TEHERAN – Einen Monat nach seiner 
umstrittenen Wiederwahl hat der iranische 
Präsident Mahmud Ahmadinedschad dem 
Westen mit grosser Härte gedroht. «Sobald 
die mit zehnmal mehr Autorität und Macht 
ausgestattete neue Regierung im Amt ist, 
wird sie die Weltbühne betreten und die glo- 
bale Arroganz niederringen», sagte Ahma- 
dinedschad bei seiner ersten Reise in die 
Provinz seit der Wahl am 12. Juni. 
NACHRICHTEN 
Tschetschenische Mütter mit den Fotos ihrer vermissten Söhne. 
FOTO 
APA 
Zwei Buben in einer 
Quarantänestation in der kolum- 
bianischen Hauptstadt Bogota. 
Die Weltgesundheitsorganisati- 
on (WHO) hat die Verteilung der 
Impfstoffe gegen die Schweine- 
grippe zwischen armen und rei- 
chen Ländern als ungerecht kri- 
tisiert. Dass der Löwenanteil der 
hergestellten Medikamente vo- 
raussichtlich an wohlhabende 
Staaten gehen werde, zeige 
«wieder einmal den Vorteil von 
Reichtum». Allein Australien or- 
derte am Dienstag genügend 
Impfstoff, um die gesamte Be- 
völkerung zu immunisieren. 
FOTO 
AP 
Mord entsetzt die Welt 
Schweigeminute für Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa im Europaparlament 
MOSKAU – Nach dem Mord an der 
russischen Bürgerrechtlerin Natal- 
ja Estemirowa haben Kollegen der 
Verstorbenen schwere Vorwürfe 
gegen die kremltreue Regierung in 
Tschetschenien erhoben. 
«Ich bin überzeugt, dass hinter die- 
sem Mord die Führung der Teilre- 
publik Tschetschenien steht», sagt 
Oleg Orlow, der Vorsitzende der 
Menschenrechtsorganisation Me- 
morial, für die Estemirowa gearbei- 
tet hatte. Die Bluttat vom Mittwoch 
sorgt weltweit für Entsetzen. Das 
Europaparlament in Strassburg hielt 
gestern eine Schweigeminute zu 
Ehren der Ermordeten ab. 
Brisante Informationen 
Estemirowa hatte ähnlich wie die 
2006 ermordete Journalistin Anna 
Politkowskaja Informationen über 
Morde, Folter und Entführungen in 
Tschetschenien zusammengetragen 
und veröffentlicht. 
Die 50-jährige Estemirowa war 
am Mittwoch nach einer Presse- 
konferenz von Unbekannten in 
Tschetschenien entführt und Stun- 
den später erschossen in der Nach- 
barrepublik Inguschetien gefunden 
worden. Estemirowas Notizen hat- 
ten neben Politkowskaja auch der 
Menschenrechtsanwalt Stanislaw 
Markelow und die Journalistin Anas- 
tassija Baburowa benutzt. Beide 
waren im Jänner gemeinsam auf of- 
fener Strasse in Moskau erschossen 
worden. 
Mehrere Dutzend Anhänger Es- 
temirowas versammelten sich am 
Donnerstag vor dem tschetsche- 
nischen Regionalbüro von Memori- 
al, um ihre Trauer zu bekunden – 
darunter auch ihre 16-jährige Toch- 
ter Lana. Die Beisetzung der Akti- 
vistin fand am späteren Nachmittag 
statt. 
Der russische Präsident Dmitri 
Medwedew sagte am Donnerstag 
bei den Konsultationen mit Bun- 
deskanzlerin Angela Merkel in 
Schloss Schleissheim, die Mörder 
Estemirowas würden bestraft. 
Medwedew würdigte ausdrück- 
lich die Arbeit der 50-jährigen Ak- 
tivistin, die seit 1999 Menschen- 
rechtsverletzungen in Tschetsche- 
nien nachgegangen war. «Wahrheit 
gesprochen, offen und hart einige 
Prozesse eingeschätzt, und darin 
liegt auch der Wert ihrer Tätig- 
keit.» 
Der Sprecher des amerikanischen 
Sicherheitsrats in Washington, 
Mike Hammer, sagte, der Mord 
schocke besonders, weil US-Präsi- 
dent Barack Obama erst vor einer 
Woche Menschenrechtsaktivisten 
in Moskau getroffen habe, unter an- 
derem von Estemirowas Organisa- 
tion. «Solch ein abscheuliches Ver- 
brechen sendet ein abschreckendes 
Signal an die russische Bürgerge- 
sellschaft und die internationale 
Gemeinschaft.» 
Die ermordete russische Bürger- 
rechtlerin Natalja Estemirowa.
	        

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