Volltext: Das Fürstentum Liechtenstein im Wandel der Zeit und im Zeichen seiner Souveränität

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ritten; ist er arm, so kommt er geschritten; 
ist er fremd und unbekannt, so kommt er 
mit dem Stab in der Hand.“ Haben „Sie" 
und „Er“ sich nun gefunden, so gilt das 
„Treulich geführt ziehet dahin“: es geht 
zum Traualtar. Nach der Trauung wird das 
Brautpaar des öftern von den Burschen mit 
einem quer über die Straße gespannten Seil 
aufgehalten. In Triesenberg heißt dieser 
Brauch Spenna. Dem Bräutigam bleibt dann 
nichts anderes übrig, als sich und seine junge 
Frau durch eine Geldgabe freizukaufen. In 
Ruggell wird vor der Hochzeit „aufgehal 
ten“, dann, wenn ein Mädchen auswärts 
heiratet und Bräutigam und Braut wenige 
Tage vor der Hochzeit, auf dem „Schpusa- 
waga“ sitzend, der neuen Heimat der Braut 
zufahren. Dieser schöne Brauch dürfte wohl 
den Sinn haben, daß ein Fremder, der es 
wagt, das Dorf um eine Schöne ärmer zu 
machen, dafür eben sein Mautgeld zu ent 
richten hat. Auf dem „Schpusawaga“ thron 
te früher am Ehrenplatz die Wiege, mit 
natürlicher Selbstverständlichkeit und sitt 
lichem Ernst auf den Zweck der Ehe hin 
weisend. Je nach Gemeinde finden wir an 
läßlich der Hochzeitsfeier noch mancherlei 
Brauchtum. So ist das — verbotene — 
Hochzeitsschießen noch nicht ausgestorben. 
Beim Hochzeitsmahle wird versucht, die 
Braut zu entführen oder ihr einen Schuh zu 
entwenden; gelingt dies, so muß der Bräu 
tigam wieder Lösegeld zahlen. Und so wird 
beim Hochzeitsschmaus noch allerlei Scha 
bernack getrieben, besonders wenn der Re 
bensaft zu Gemüte steigt. 
Ja, der Saft der Rebe! “Der Susersunntig!“ 
Da „geht oft mancher krumm, ärgere dich 
nicht, Publikum, das kommt vom Götter 
saft der Reben, die auch krumm gen Himmel 
streben." — Der Schlüsselruf, wie die Bünd 
ner Nachbarn sagen, ist ergangen, das heißt 
vom Beginn der Traubenreife an ist das Be 
treten der Weinberge selbst für die Eigen 
tümer verboten. Der Traubenhirt waltet 
seines Amtes. Ist die Zeit erfüllt, bestimmt 
die Traubenkommission den Tag der Wein 
lese, den Tag des „Wimmeins“. Vom Tor 
keltor im fürstlichen Bockwingert hat der 
Traubenhirt nach Schluß der Flurwacht den 
letzten Schuß aus seinem Vorderlader abge 
geben. Kein Winzer darf mit der Lese be 
ginnen, bevor die Glocke in feierlichem 
Klange das Zeichen gegeben. Ruht nun das 
Traubengut im Torkel, dann beginnen jene 
Zwerglein am Traubenzucker zu knabbern, 
bis bald ein Teil davon in Alkohol verwan 
delt ist: ein Murmeln, Brodeln und Sausen 
beginnt im Bottich, und dann rinnt eben am 
nächsten Sonntag, dem Sausersonntag, jenes 
köstliche Naß, das zum Ärgernis von et 
waigen Spießbürgern wirkt. Von den in je 
der Weinbaugemeinde laufenden Sprüchen 
sei festgehalten der Vaduzer Spruch vom 
Roten Haus, das einst dem Kloster St. Jo 
hann in Thurtal gehörte: „Ich bin als guter 
Wein bekannt, Abtswingertwein werd ich 
genannt. Lang war ich geistlich Eigentum, 
Thurtaler Mönche Trost und Ruhm. Jetzt 
hab ich zwar mein geistlich Leben, doch 
nicht den Geist mit aufgegeben. Willst, 
Freund, du diesen Geist erproben, versucht! 
Du wirst die Wirkung loben!“ 
Lustig und ein Freudentag für jung und 
alt ist die Alpabfahrt, wenn die lieben „Bu- 
schele“ wieder zu Tal kommen, voraus mit
	        

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