Volltext: EINTRACHT (1999) (Advent)

BM EINTRACHT ADVENT 
1999 Die Christrose Sie hatte keine gute Zeit zu Hause, denn ihre Mutter war strengen und harten Sinnes, und wenn sie von dem Kinde sprach, nannte sie es nicht anders als «das Verfluchte». Als nun das Kind geboren wurde, vor der Weihnachtszeit, war es ein Kind wie andere Kinder auch, und es war von seinem kleinen, stillen Gesicht nicht abzulesen, ob der Va- ter ein Prinz oder ein Scharwerker war. Die alte Frau aber, wenn sie es betrachtete, wurde nicht müde, je- den Tag etwas Neues an ihm zu fin- den und sich davor zu bekreuzigen. Und jeden Tag fragte sie die Toch- ter, ob sie es denn nicht sehe. Dass es blind sei auf dem linken Auge, oder dass es eine gespaltene Lippe habe, oder dass es ein Mal auf der Stirn trage. Und obwohl die Tochter nichts dergleichen sah und erblick- te, blieb ihr doch jedesmal das Herz stehen vor Angst und Grauen, und oft stand sie auf in der Nacht, hielt die kleine Öllampe über das schlafende Gesicht und beugte sich nieder, um die Wahrheit zu erken- nen. Die junge Mutter weinte leise vor sich hin Am Weihnachtsabend aber, noch vor der Dämmerung, hüllte sie das Kind in ein dunkles Tuch, schlich sich vom Hof und eilte zu den tie- fen Kiesgruben, die inmitten des grossen Waldes lagen. Es schneite leise, und die Fichtenäste hingen schwer über ihren schmalen Pfad. Die junge Mutter weinte leise vor sich hin, aber sie blieb erst stehen, als vor ihren Füssen der Abhang sich auftat, dessen Grund schon im Schatten lag. Sie liess sich auf ihre Knie nieder, schob das Tuch zur Seite und blick- te in das Gesicht des Kindes nieder, das in tiefem Schlafe lag. Sie glaub- te es nun, alles zu sehen, was die alte Frau gesehen hatte: die entstell- te Lippe und das Mal, und wenn das Kind die Augen aufschlagen würde, dann würde sie auch seine Blindheit sehen.Da 
sagte sie leise: «Erbarme dich unser!» und beugte sich über den Rand des Abgrundes. Aber wie sie sich vorbeugte, stand zwischen ihr und dem Abgrund ein Kind. Der Raum war so schmal, dass es nur für eines Vogels Tritt Platz gehabt hätte, aber das Kind stand so sicher da wie in einem Garten. Es war nicht mehr als drei oder vier Jahre alt. Es war in einen alten Rock ge- kleidet, der viel zu gross war und ihm bis auf die nackten Füsse reich- te, aber es lächelte auf eine holdse- lige Weise und hob seine rechte Hand. «Wolltest du das tun?» fragte es. «Und weisst doch nicht, wie tief es ist?» Da weinte die Mutter sehr und erzählte ihm von ihrem gros- sen 
Kummer. Als es die Hand fortzog, war dort kein Mal zu erblicken «Ein Mal?» fragte das Kind verwun- dert und legte seine Hand auf die Stirn des Kindes. Und die Mutter hat später erzählt, dass die kleineHand 
leuchtete, als sei ein Strahl der längst untergegangenen Sonne durch die Wolken gedrungen. Und als es die Hand fortzog, war dort kein Mal zu erblicken, sooft die Mutter auch hinsah, sondern nur et- was wie der silberne Abglanz einer Blume, die man die Christrose nennt, und auch dieser Abglanz verblasste langsam auf der reinen Haut. Und als die Mutter aufblickte und sich bedanken wollte, da war das Kind verschwunden, so, als wäre es über den Abgrund davongeflogen, und sie hat erzählt, dass das letzte, das von ihm zu sehen gewesen war, das Lächeln gewesen sei. Das Kind war nicht mehr zu sehen gewesen, aber das Lächeln war noch da, als ob die Schneewolken lächelten, die tief herunterhingen. Da stand die Mutter auf, wickelte ihr Kind wieder in das Tuch und ging durch den Wald zurück. Ernst 
Wiechert ..V Aus: «Allgemeines Blumen-, Kräuter-, Frucht- und Gartenbuch», Nürnberg, 
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