Volltext: EINTRACHT (1999) (Ostern)

EU EINTRACHT OSTERN 
1999 UNSER GAST Botschafter Dr. Josef 
Wolf Den Europarat kennenlernen Ich wurde gebeten, für die Oster- ausgabe der «EinTracht» einen Bei- trag zu schreiben. Hier in der elsäs- sischen Metropole haben Interes- sierte die Möglichkeit, die älteste europäische Organisation, nämlich den Europarat, kennenzulernen. Der Europarat umfasst nicht nur das Europa der 15 Staaten, wie dies der Fall ist bei der Europäischen Union, sondern geht über die 15 + 3 Staa- ten des EWR hinaus und umfasst seit drei Jahren auch die grosse rus- sische Föderation. «Weshalb habt ihr eigentlich Russland aufgenom- men?» ist jeweils eine der ersten Fragen, die gestellt werden. Auf vie- len Gebieten, insbesondere auf dem ökonomischen, dem juristischen so- wie in bezug auf die demokrati- schen Einrichtungen sei doch dieses Land noch gar nicht 
soweit. Kulturelle Bereicherung durch Russland Ich kann natürlich hier nicht auf die lange Aufnahmedebatte in der Par- lamentarischen Versammlung be- züglich Russland eingehen. Ich möchte lediglich bemerken, dass man in dieser Angelegenheit eine Gesamtbetrachtung anstellen sollte. Neben den bereits erwähnten Aspekten gibt es auch den kulturel- len Aspekt. Ja, es ist wirklich so, dass man den kulturellen Aspekt, zu dem auch das Brauchtumgehört, 
gerne vergisst. Aufschluss- reich kann aber in dieser Hinsicht vielleicht das sein, was ein rumäni- scher Abgeordneter bei der Aufnah- medebatte bezüglich Russland hier in Strassburg gesagt hat: «Kann man Gogol, Dostojewski, Tschechov, Tschaikowsky, Pasternak und Sol- schenizyn den Eintritt in die eu- ropäische Klasse versagen wie schlechten Schülern?» Immer wie- der erlebe ich im Konzertsaal, wie begeistert das Publikum einem Or- chester zujubelt, das einige Mei- sterwerke russischer Musik zum Be- sten gibt. Sollten wir bei der Kon- troverse um die Aufnahme Russ- lands in den Europarat nicht auch diesen kulturellen Aspekt miteinbe- ziehen? Doch nun zurück zum ei- gentlichen 
Thema! Trachten sind ein Teil der Identitätsbildung. Wenn man mehrheitlich im Aus- land lebt, wie ich dies zur Zeit tue, rückt einem der frühere Alltag zu- hause und damit auch das Brauch- tum etwas näher. In der Ferne be- obachtet man das Alltagsleben, das sich vor uns abspielt, etwas genau- er. Es ist dann auch ganz natürlich, dass man Vergleiche mit dem Alltag zuhause zieht. Ich habe die Trachten in unserem Land immer gern gesehen und erin- nere mich gerne an manche Feier- lichkeiten, bei denen Trachten den Anlass verschönerten, ihm ein be- sonderes Gepräge gaben. So zum Beispiel durfte ich dies beim Staats- besuch unseres Fürsten in Lai- bach/Slowenien im Oktober 1993 erfahren. Hier im Elsass spielen die Trachten im gesellschaftlichen Leben eine bedeutende Rolle. Ihr Einfluss scheint mir sogar noch stärker zu sein als bei uns, denn sie tragen hier ganz wesentlich zur Identitäts- bildung bei. Die Elsässer sind näm- lich eine regionale Minderheit im zentralistischen Frankreich und brauchen solche äusseren Erschei- nungsformen für ihre Identität. Das ist ja auch einer der wesentlichen Gründe, weshalb ca. zwei Jahr-zehnte 
nach dem Zweiten Welt- krieg die elsässische Mundart wie- der an Boden gewonnen hat. Im- mer mehr sehen führende Persön- lichkeiten ein, dass die Zweispra- chigkeit einen besonderen Trumpf der Region Elsass bilden könnte. Al- lerdings tut sich Frankreich schwer, die Regional- oder Minderheiten- sprache offiziell anzuerkennen. Es hat ja auch mehrere Jahre gedauert, bis Frankreich die diesbezügliche Charta des Europarates zum Schutz von Regional- oder Minderheiten- sprachen unterzeichnet 
hat. Der Dialekt ist wichtig. Auf Grund meines Germanistikstu- diums hatte ich stets eine sehr enge Beziehung zur deutschen Sprache, insbesondere auch zu ihren Dialek- ten. Wenn das Elsässische langsam gesprochen wird, habe ich keine Mühe, es zu verstehen. So habe ich hier Kontakte aufgenommen zu ei- nigen Repräsentanten der elsässi- schen Kultur, wie Tomi Ungerer und Pierre Kretz. Es gibt im Elsass Leute, die jetzt nur noch für den Dialekt schwärmen und zuwenig realistisch sind, wenn es darum geht, dessen Bedeutung richtig einzuschätzen. Kretz ist eher pessimistisch, er ist nicht verzweifelt, aber er sieht den Realitäten ins Auge. Neben den bei- den bekannten Persönlichkeiten ste- he ich auch in Verbindung zu den «Amis du vieux Strasbourg». Man könnte dies etwa mit dem Histori- schen Verein in Liechtenstein ver- gleichen. Wenn ich mit diesen Per- sonen zusammen bin, fühle ich mich eigentlich recht zuhause. Bei der Lektüre der elsässischen Ta- geszeitung «Dernieres Nouvelles d'Alsace» habe ich mir die Ge- wohnheit angeeignet, die Todes- meldungen ein wenig durchzuse- hen. Ich tue dies, weil ich an den hier üblichen Familiennamen inter- essiert bin. Mir fällt auf, dass es hier sehr viele Familiennamen gibt, die auch bei uns in Liechtenstein oder in der Ostschweiz und insbesonde- re in Vorarlberg gang und gäbe sind. Auch dies ist wiederum ein Stück Heimat in der Ferne! Botschafter Dr. Josef Wolf
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.