Volltext: EINTRACHT (1998) (Advent)

EINTRACHT ADVENT 
1998 PERSÖNLICHKEITEN Peter Kaiser (1793-1864) Im Verlaufe des Jahres 1998 fanden überall in Europa Gedenkveranstal- tungen an die Revolution 1848 statt. Der politische Sturm hatte auch unser Land erfasst und eine Volksbewegung ausgelöst. Die be- deutendste Persönlichkeit innerhalb der Ereignisse in Liechtenstein war Peter Kaiser. Er wurde am 1. Oktober 1793 als neuntes Kind des Bauernehepaars Michael Kaiser und Anna Maria Matt in Mauren geboren und ver- starb am 23. Februar 1864 in Chur. Den Schulbesuchen in Mauren, Feldkirch und Wien schlössen sich Studien in Recht, Geschichte, Phi- losophie und Staatswissenschaften in Wien und Freiburg im Breisgau an. Dort profilierte er sich als Akti- vist der Studentenbewegung. Seit 1819 lehrte er Geschichte und Sprachen in Hofwil (Fellenberg), Yverdon (Pestalozzi), Aarau, Disen- tis und Chur. Er war zudem Rektor und Vizerektor, er schrieb ein Grau- bündner Geschichtslehrbuch, war Präsident der Bündner Geschichts- forschenden Gesellschaft und ver- fasste historische Studien. 1856 schenkten ihm die Bündner Ge- meinde Vigens und der Kanton für seine Verdienste das Bürgerrecht. Damit war der Verzicht auf die liechtensteinische Staatsbürger- schaft 
verbunden. Anwalt und Sprecher der Gemeinden Seit dem Beginn der Tätigkeit in Graubünden 1835 wurde Kaiser auch für Liechtenstein in pädagogi- scher und politischer Hinsicht aktiv. 1840 war er Mitglied einer Deputa- tion, die beim Fürsten «als Anwalt und Sprecher der Gemeinden» auf- treten sollte. Ende 1847 erschien seine «Geschichte des Fürstentums Liechtenstein». Das Buch wurde verboten, eingesammelt, dann aber zugelassen. Das Werk begründete die liechtensteinische Geschichts- forschung.Weil 
sich die politisch-wirtschaftli- che Situation nicht besserte, be- gann sich in Liechtenstein im März 1848 eine Volksbewegung zu for- mieren. Kaiser wurde an die Spitze von Gemeindeausschüssen zur For- mulierung von Forderungen beru- fen. Zwei von ihm verfasste Schrei- ben an den Fürsten drückten den Wunsch nach der früheren Freiheit aus, forderten eine freie Verfassung und die Entlastung des Grundeigen- tums. Die Liechtensteiner, schrieb Kaiser, wollten «in Zukunft als Bür- ger und nicht als Untertanen» be- handelt werden. Fürst Abis II. machte Zugeständnis- se. Am 27. Juli 1848 wurde ein Gremium zur Ausarbeitung einer Verfassung bestimmt, an der Kaiser im Hintergrund mitwirkte. Im März 1849 erliess Alois II. die «Über- gangsbestimmungen für das kon- stitutionelle Fürstentum Liechten- stein». Sie sind eine Vorstufe der er- sten konstitutionellen Verfassung von 1862. Vom April bis September 1848 ver- trat Kaiser Liechtenstein, das Mit- glied des Deutschen Bundes war, in der deutschen Nationalversamm- lung in Frankfurt. Nach der Rück- gabe des Mandates war KaisersTätigkeit 
für Liechtenstein abge- schlossen. Die Wahl in den Landrat nahm er nicht mehr aktiv wahr. Kaiser zog sich in seine neue Hei- mat Graubünden zurück. Sein Tod 1864 hat kaum mehr Wellen ge- worfen. Die «Geschichte des Für- stentums Liechtenstein» (1847) und der Brief «An meine Landsleute» (1848) sind seine bleibenden Ver- mächtnisse. Liechtenstein, sagt er, könne ein Völklein vorstellen, das «Niemand gefährlich sei, aber doch allen Achtung abnötige» 
könne. Wiederentdeckung Kaisers Die Wiederentdeckung Kaisers be- gann im 20. Jahrhundert. Er wurde zu einer Integrationsfigur, um die sich ein Mythos zu ranken begann. Er wurde das Thema von Studien, seine Werke fanden Neuauflagen, auf einer Briefmarke ist er verewigt, vor der Kirche in Mauren steht sein Denkmal. Er wird als «Erwecker und Prophet» des liechtensteini- schen Volkes bezeichnet und als Stifter «einer liechtensteinischen Identität». Der politische, auf Aus- gleich bedachte Peter Kaiser gilt als aufgeklärter liberaler Katholik mit konservativen Zügen, als «ein Re- präsentant der liberalen Bewe- gungskräfte seiner Zeit». Seine poli- tische und historiographische Wirk- samkeit für Liechtenstein hat bis heute nachhaltigen Einfluss aus- geübt.Arthur Brunhart 7
	        

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