Volltext: EINTRACHT (1995) (Advent)

Hl EU EINTRACHT ADVENT 
1995 LEITARTIKEL «Die gröscht Fröd hett r, wenn t sälber kämscht.» Es war vor ca. 8 Jahren. Ich hörte davon, dass Georg Oehri, von Be- ruf Landwirt und Maurer, Alt-Vor- steher und ehemaliger Alterspräsi- dent des Liechtensteinischen Land- tages, erkrankt sei. Ich rief einen seiner Söhne an und sagte ihm, dass ich seinem Vater gerne eine Freude machen möchte und dabei an einen schönen Blumenstrauss oder an einige Flaschen Wein ge- dacht hätte. «Ja», meinte der Sohn, «du kennst meinen Vater ja sehr gut und weisst, dass er als ein sehr stark mit der Natur verbundener Mensch und Eigentümer eines schönen Gar- tens wohl nicht allzu grosse Freude an einem Blumenstrauss aus einer Gärtnerei hätte.» Auch mein zwei- ter Vorschlag fiel nicht auf guten Boden, denn er sagte, dass sein Va- ter keinen Wein trinken dürfe. «Ja, was kann ich ihm denn geben?» war meine nächste Frage, und nun war Funkstille. Schliesslich erklärte er mir: «Die gröscht Fröd hett r, wenn t sälber kämscht.» Nun war bei mir Funkstille, und ich schämte mich, an vieles gedacht zu haben, aber nicht an eines der Werke der Barmherzigkeit, welches lautet «Die Kranken besuchen». Ich bedankte mich und begab mich am Sonntag Vormittag nach Schellenberg. Ich traf Georg sonntäglich gekleidet in seiner Stube auf dem Kanapee sit- zend an. Ich sah auch gleich den Versehtisch, auf welchem zwei Ker- zen standen und eine Schale mit Weihwasser. Mir war damit klar, dass sich Georg auf die Kranken- kommunion vorbereitete. Ich ent- schuldigte mich bei ihm und sagte, dass ich gerne ein anderes Mal kä-me, 
aber er war damit nicht einver- standen und freute sich offensicht- lich über mein Kommen. Er erzähl- te, und bald kam Pfarrer Adolf Dürr mit dem Auto und trat mit dem Gruss «Gelobt sei Jesus Christus» in die Wohnstube. Wir antworteten gemeinsam «In Ewigkeit 
Amen». «Du bleibst bier und zwar als Ministrant.» Ich wollte mich nun verabschieden. Doch der Pfarrer, den ich gut kann- te, erklärte bestimmt: «Du bleibst hier und zwar als Ministrant.» So nahm ich denn die Zündholz- schachtel und zündete die beiden Kerzen an. Der Pfarrer seinerseits stellte das Allerheiligste, das er in einem kleinen, vergoldeten Gefäss mitgebracht hatte, auf das weisse Linnen des liebevoll hergerichteten Versehtisches und legte die Stola an. Er las nun nicht aus irgendei- nem Buche vor, sondern trug einige beeindruckende, der religiösen Handlung angepasste Gedanken vor. Einfach war es, was der Pfarrer sagte, denn er, der neben seinen Aufgaben als Pfarrer von Schellen- berg zum Beispiel auch im Spital Grabs als Spitalseelsorger tätig war, hatte eine gute und vertraute Art, vor allem mit älteren und kranken Menschen zu reden. Es klang wie ein Gebet, es war eine wunderbare Gestaltung und Vorbereitung für die Krankenkommunion. Das Wort Christi «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind» habe ich in keiner Kathedrale und in keinem Dom so überzeu- gend gespürt, wie in dieser einfa- chen Bauernstube. So erging es wohl auch Georg, der aufrecht ste- hend und würdevoll die Kranken- kommunion empfing. Der Pfarrer nahm nun das Weihwasser und segnete den Kranken und mich als seinen Ministranten. Tief beeindruckt verliess ich dann mit ihm die Bauernstube. Ich war nach Schellenberg gefahren, um Georg eine Freude zu machen und ein gutes Werk zu vollbringen und wurde nun selber durch diese wür- dige Feier reich 
beschenkt.«Zeit 
schenken» Liebe Leserinnen und Leser, Sie werden fragen, warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle. Einfach deswegen, weil ich Sie teilnehmen lassen möchte an dem schönen christlichen Brauchtum der Kran- kenkommunion und wir in diesen Adventstagen uns immer wieder überlegen, was wir auf Weihnach- ten kaufen sollen, um anderen eine Freude zu machen. Viel Zeit und Geld werden dafür investiert, und vielleicht kaufen wir dann etwas, was dem anderen gar nicht gefällt. Vor lauter darüber Nachdenken, was wir kaufen und verschenken sollen, verlieren wir so viel Zeit, dass wir dann keine Zeit für das Wesentliche, die Mitmenschlich- keit, haben. Zeit aber werden wir nie haben, die muss man sich schon selber nehmen, denn sie ist ja da. Sie kommt nie mehr zurück und man kann sie auch nicht auf- bewahren, man kann sie nur jetzt nehmen und allen jenen schenken, wie den Kindern, Enkeln, Grossel- tern, den Eltern, Verwandten, Kran- ken, Nachbarn und Betagten, Freunden, Mitarbeitern und Einsa- men, die wegen unserer Betrieb- samkeit im vergangenen Jahr etwas zu kurz gekommen sind. Solches Sichbesinnen auf das Wesentliche könnte auch für uns heilsam sein. Wenn wir uns bemühen, anderen Freude zu bereiten, vor allem da- durch, dass wir ihnen Zeit schen- ken, so werden wir feststellen, dass dies jene friedliche und festliche Adventsstimmung verschafft, wel- che die Voraussetzung dafür ist, dass die Nacht der Geburt des Erlö- sers auch heute noch zur «Weihe Nacht» wird und wir wirklich fröh- liche und glückselige Weihnachten erleben dürfen. Dies wünsche ich Euch von Herzen. Adulf Peter Goop
	        

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