Volltext: EINTRACHT (1994) (Ostern)

'EINTRACHT OSTERN 
1994 SAGEN Der Schloßgeist Vor alter Zeit saßen einmal zu spä- ter Stunde in einer niederen Gast- stube in Vaduz drei Bürgersöhne in froher Weinlaune beisammen. Beim eifrigen Kartenspiel verspür- ten sie keine Lust zu einem zeitigen Aufbruch, obwohl der behäbige Wirt, der gerne seine Lagerstatt auf- gesucht hätte, mehr als einmal ver- nehmlich hüstelte und auch deutli- chere Bemerkungen machte. Ob es nun am Weine lag oder einfach dem Jugendübermut zuzuschreiben war, die jungen Leute kamen auch auf das Gruseln und Fürchten zu sprechen, und jeder rühmte sich seines stets bewiesenen Mutes. Der Wirt, hier eine Gelegenheit wit- ternd, die es ihm ermöglichte, die Gäste wegzuschicken, mischte sich ins Gespräch und meinte lachend: «He, das wäre zu beweisen. Ihr wißt doch, daß in unserem Schloß oben jede Mitternacht ein Geist er- scheint. Wenn ihr nun solchen Mut zeigt, geht doch heute einmal hin- auf und beweist eure Uner- schrockenheit, es ist ja bald Mitter- nacht.» «He, warum nicht, ich bin sofort dabei», rief keck der jüngste der drei jungen Burschen und erhob sich unternehmungslustig. Auch die beiden anderen waren sofort dabei, und unter Gelächter und frommen Wünschen des listig lächelnden Wirtes verließen sie die Gaststube und wanderten in die freundliche Nacht hinaus und zum Schloß hin- auf. Hier trat der junge Bursche in das verrufene Zimmer, in dem nur Bett, Tisch und Stuhl standen. Zum Beweis, daß er wirklich die ganze Nacht in diesem Geisterzimmer verbringen wollte, hieß er seine Freunde die Zimmertüre von außen verriegeln, was sie auch taten. Vom Kirchturm schlug es eben Mitter- nacht, als die beiden Burschen, ihrem zurückbleibenden Freunde noch eine gute Nacht zurufend, das Schloß verließen und übermütig la- chend nach Vaduz zurückkehrten.Am 
andern Morgen in aller Frühe, denn die Spannung dieses aufre- genden Abenteuers hatte sie kaum einen rechten Schlaf finden lassen, zogen sie zum Schloß hinauf, um ihren Freund zu beglückwünschen für seinen Mut oder ihn auch aus- zulachen, wenn er etwa eine angst- volle Nacht verbracht hätte. Sie waren aber doch einigermaßen verwundert, als die von ihnen ver- schlossene Zimmertür geöffnet war. Etwas betreten und auch vorsichtig traten sie in das Zimmer und such- ten ihren Freund, den sie aber nir- gends erblickten; das Bett schien kaum benützt zu sein. Da er- schreckte sie ein Stöhnen und Seuf- zen, und als sie nachsahen, erblick- ten sie unter dem Bett eine zusam- mengerollte Gestalt. Als sie sie her- vorgezogen hatten, erkannten sie ihren Freund, der wie halbtot in ei- nem tiefen Schlafe lag, mit blutlee- ren Wangen und glasigen Augen. Sie weckten ihn mit Mühe auf, und nachdem er einigermaßen zu sich gekommen war und seine Freunde erkannt hatte, erzählte er ihnen stockend, mit halberstickter Stim- me: «Ihr wäret eben fortgegangen, und ich hörte noch eure Schritte durch das Fenster. Kaum war der letzte Schlag unserer Dorfuhr ver-klungen, 
rasselte es gar fürchterlich vor der Kammertür. Ich dachte mir: Zum Glück ist sie verschlossen, und blieb atemlos lauschend ste- hen. Aber da sprang die Türe wie von einem Schlage getroffen auf, und meine Augen sahen im blei- chen Licht der Nacht eine 
unheim- On liehe weiße Gestalt. O Gott, nie mehr vergesse ich das! Sie war ganz von Ketten umhüllt. Langsam trat sie herein, gerade auf mich zu, die Ketten rasselten schaurig, und dann griff sie mit einer seltsamen Gebärde nach meiner Hand. Ich wußte nicht mehr, was ich tat in meiner Angst. Eiskalt lief mir das Grausen den Rücken hinunter. Ich suchte Rettung und sprang in mei- ner Verzweiflung unter das Bett, wo mir die Sinne schwanden.» Die beiden Burschen waren sicht- lich beeindruckt von der Geschich- te ihres Freundes. Sie musterten mit ängstlichen Augen das Zimmer und führten dann den zitternden, blei- chen und zusammengefallenen Burschen nach Hause. Wie Eugen Nipp, der diese Sage er- zählte, später mitteilte, starb der vorwitzige Bursche noch gleichen Tages. Ich meine, man soll, beson- ders wenn es sich um Geister han- delt, nie den Mund zu voll neh- men. Es gibt mancherlei unerklärli- che Dinge . . . Quelle: «Liechtensteiner Sagen» von Dino Larese
	        

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