Volltext: Geschichte erforschen - Geschichte vermitteln

Antisemitismus und die Erklärung Nostra aetate 
nandergesetzt hat. Er wandte sich zunehmend von der Transzendental- 
theologie Rahners ab, die ihm zu «idealistisch» schien, und entwickelte 
eine sogenannte «neue politische Theologie». Diese sollte auch die 
Opfer der Geschichte immer im Bewusstsein halten, sollte die Shoah als 
«gefährliche Erinnerung» wachhalten. Es sind insbesondere jüdische 
Denker wie Ernst Bloch oder Walter Benjamin, die durch Metz rezipiert 
wurden. Metz stellte auch die Grundsatzfrage, ob eine christliche 
«Theologie nach Auschwitz» überhaupt noch möglich sei. Wo war Gott 
mn Auschwitz? 
Wie kann man der Singularitdt der Shoah gerecht werden, ohne 
schon wieder ein abgeschlossenes theologisches System daraus zu ent- 
wickeln und die Opfer der Geschichte abermals zu instrumentalisieren? 
Solche Fragen brechen in der theologischen Debatte bis in die Gegen- 
wart immer wieder auf. Jüngst hat der Wiener Systematiker Jan-Heiner 
Tück ein Buch mit dem Titel «Gottes Augapfel» vorgelegt, dessen 
Untertitel mit Recht «Bruchstücke zu einer Theologie nach Auschwitz» 
heisst — sind es doch keine fertigen Antworten auf die Theodizeefrage, 
sondern lediglich «Bruchstücke», die im Angesicht des Holocaust mög- 
lich sind. 
Ähnlich wie in Politik und Gesellschaft, so ist auch in Kirche und 
Theologie das Bewusstsein für die Schuldverstrickungen und Mitverant- 
wortung für die Judenvernichtung im 20. Jahrhundert erst ab den 
1960er-Jahren stärker erwacht. Man kann diesen Bewusstseinswandel 
gut anhand des Lexikons für Theologie und Kirche illustrieren, des wohl 
wichtigsten Lexikons in der theologischen Wissenschaft. Die zweite 
Auflage erschien im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der 
erste Band kam 1957 heraus, also am Vorabend des Konzils. Er enthält 
zwar einen etwa einspaltigen Eintrag «Antisemitismus», ** aber noch kei- 
nen Eintrag «Auschwitz». In der dritten und aktuellen Auflage des Lexi- 
  
33 Als eigentliche Programmschrift für die neue politische Theologie gilt Metz, Glaube 
in Geschichte und Gesellschaft. Das Buch erschien 1977 in erster Auflage und for- 
mulierte eine politische Theologie als Kritik der bürgerlichen Religion. Die Erinne- 
rung an die Opfer von Auschwitz ist ein zentrales Anliegen dieser neuen politischen 
Theologie. Siehe auch Metz/Kogon (Hrsg.), Gott nach Auschwitz; Schillebeeckx 
(Hrsg.), Mystik und Politik; Peters, Johann Baptist Metz. 
34 K. Thieme, «Antisemitismus», in: Lexikon fiir Theologie und Kirche, zweite Auf- 
lage, Bd. 1, Sp. 658-659. 
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