Volltext: Geschichte erforschen - Geschichte vermitteln

Antisemitismus und die Erklärung Nostra aetate 
Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche [...] alle 
[...] Manifestationen des Antisemitismus [...]». 
Verschiedentlich ist kritisiert worden, dass Nostra aetate hier ledig- 
lich das Verb «beklagen» (deplorare) einsetzt, und nicht das Verb «ver- 
urteilen» (damnare) wihlt?® Auch fehlt im Konzilstext ein klares 
Schuldeingestindnis der Kirche fir die Griueltaten an den Juden wih- 
rend der Shoah des 20. Jahrhunderts. Diese Anfragen sind sicherlich 
berechtigt. Man wird allerdings auch beachten müssen, dass solche Fra- 
gen einer «Theologie nach Auschwitz» beziehungsweise einer Mitschuld 
der Christen an der Shoah erst zeitverzögert, ab Ende der 1960er-, 
Anfang der 1970er-Jahre mit ganzer Vehemenz aufbrachen. Auch für 
diese schwierige Auseinandersetzung bereitete Nostra aetate den Boden, 
ohne schon alle Aspekte vorwegnehmen zu können. 
Zur Wirkungsgeschichte von Nostra aetate 
Roman Siebenrock urteilt in seinem umfangreichen, aktuellen Kommen- 
tar zu Nostra aetate: «Wirkungsgeschichtlich gehört es zu den bedeu- 
tendsten Dokumenten. Vielleicht wird es für die Herausforderung der 
Kirche im 21. Jahrhundert das Dokument des Konzils. [...] Unser 
Dokument hat nicht nur ein Fenster geöffnet, es hat die Kirche auf die 
offene See eines Dialogs geschickt».” 
In der Tat befindet sich die Kirche heute auf dieser offenen See des 
interreligiösen Dialogs. Wie erwähnt, steht Nostra aetate auch am Aus- 
gangspunkt der Implementierung von religionswissenschaftlichen Stu- 
dien in den theologischen Curricula. Die Konzilserklärung ist dabei 
auch insofern vorbildlich, als sie zunächst die Gemeinsamkeiten und 
Verwandtschaftsverhältnisse unter den Religionen benennt, bevor sie die 
Unterschiede und bleibenden Differenzen markiert. 
  
28 Rahner und Vorgrimler kommentieren, das Konzil beklage «den Antisemitismus 
jedweder Spielart. Der Wortlaut ist eindeutig und wird künftig jeden Zuwiderhan- 
delnden in der Kirche blossstellen. Dennoch hätte das Konzil gerade an dieser Stelle 
mit grösserem Autoritdtseinsatz als nur mit dem schwichlichen <beklagt sprechen 
konnen.» Siche Rahner/Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, S. 352-353. 
Siehe dazu auch Siebenrock, Theologischer Kommentar, S. 663. 
29  Siebenrock, Theologischer Kommentar, S. 598, Hervorhebung im Original. 
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