Volltext: Statistik der Römischen Ansiedelungen in der Ostschweiz

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Canton St. Gallen. 
Wie in Graubünden erhielt sich in dem südlichen Theil dieses ebenfalls zur rätischen Provinz 
gehörenden Cantons bis zum friedlichen Vordringen alemannischer Bevölkerung und Sprache römisches 
Wesen 1). 
Diesem Cantone gehört die an der Grenze des rätischen Gebietes liegende, von der Mitte des 
Wallensees bis zum obern Theile des Zürchersees sich erstreckende Landschaft Gaster an, deren Name 
schon. von den Notaren des frühen Mittelalters als »castra« aufgeführt und dann von Tschudi mit der 
Zugabe »retica« vermehrt wird. Von ihm und den spätern Chronikschreibern und Geographen wird 
dann ein Lagerplatz römischer (rätischer) Truppen hieher verlegt. Wie schon im ersten Abschnitt 
angedeutet worden, wird diese Annahme durch das Vorkommen baulicher oder anderer römischer 
Alterthümer im Gasterlande nicht unterstützt. Das einzige Ueberbleibsel aus römischer Zeit, welches 
auf den Aufenthalt einer Abtheilung römischer Truppen in dieser Gegend bezogen werden könnte, ist 
der zu Jonen gefundene Grabstein eines Cohortenzeichenträgers Provincialis. Indessen könnte dieser 
Krieger als einer der Veteranen betrachtet werden, die in den verschiedenen Theilen des Landes auf 
den ihnen zugetheilten Grundstücken sich anbauten. 
Während des Kampfes der XXI Legion mit den Helvetiern, die sich in der Gegend von Vindonissa 
aufgestellt hatten, rief bekanntlich Cäcina rätische Mannschaft herbei. Tacitus (Hist. I. 67, 68) erwähnt 
diesen Umstand mit folgenden Worten: »An Rätiens Hülfsvölker schickte er Botschaft, sie sollten die 
Helvetier, welche gegen die Legion sich stellten, im Rücken angreifen«, und dann später: »Hier Cäcina 
mit einem gewaltigen Heer; dort die rätischen Geschwader und Cohorten und die Jugend der Rätier 
selbst, waffengewohnt und nach Kriegsregeln geübt.« Es ist hier offenbar von ständigen Truppen die 
Rede, deren Aufenthaltsort in der Entfernung weniger Tagmärsche und zwar südlich vom Rheine, 
weil sie die Helvetier im Rücken. anzugreifen hatten, sich befand. Da die sogenannten castra ratica 
so geringe Spuren von römischen Ansiedelungen und keinen namhaften Ort zeigen, so wird die 
Annahme nicht zu kühn sein, dass der Standort dieser Truppen Bregenz und Arbon gewesen und 
die aufgebotenen Truppen auf dem römischen Heerwege Arbor felix, Fines, Vitudurum herbeigeeilt seien. 
Ausser der Station Ad Renum in der Tabula, ohne Zweifel Rheinegg, gibt es im Canton St. Gallen 
keinen Ort, dessen römischer Name constatirt wäre. Mit Ausnahme von Münzen sind römische Ueber- 
reste indessen. weder hier noch am linken Ufer des Rheins bis nach Sargans hinauf, noch am Ufer 
des Bodensees, noch in dem höher liegenden Theile des Landes in der Umgebung der Stadt St. Gallen 
gefunden worden ?). 
Arbon, In der ersten Abtheilung findet sich auf S. 317 nachfolgende Bemerkung: »Was die alte 
Umfassungsmauer des Städtchens betrifft, die mit ihren viereckigen zerfallenen Thürmen hart am 
_') Beweis, dass die Alemannen von Osten her nicht über Wesen, von Norden her nicht über Feldkirch vordrangen. 
sind die Benennungen Walensee, Churwallen für den nördlichen Theil Bündens und Wallgau für das südlich von der HI 
liegende Gebirgsland. 
?) Auf welche Ortschaft sich die Stelle in Notker et Ratpert in MS. sgc. 15: »Et cum gravis ponderis fibulas, aureas 
armillas quoque et cetera antiquati operis ornamenta ipsi ibi viderimus casu inventa« bezieht, ist unbekannt.
	        

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