Volltext: Vorarlberg und Liechtenstein

Das Volksleben,. 
Im übrigen kann das vorarlbergisch-Liechtensteinische Volks- 
wesen nur auf den ersten Blick als eine gleichmässige Einheit er- 
scheinen, wer es nüher kennen lernt, bemerkt die Unterschiede bald, 
die zwischen den drei ursprünglichen Elementen, der Volksmehr- 
heit der zuerst eingewanderten Alemannen, den Walsern, die später 
dazugestossen sind, und den erst im Lauf der Jahrhunderte ale- 
mannisierten Rätoromanen in Art und Temperament vorhanden 
sind, jedes einzelne Tal fast lässt sich nach bestimmten Volksmerk- 
malen charakterisieren. 
Wie verschieden indessen die Spielarten des V olkes innerhalb 
seiner Gebirge und Täler sein mögen, der gemeinsame Grundzug ist 
gesunde Kraft, fleissiges Schaffen, kluges Berechnen, Sparsamkeit, 
ehrenfester Familiensinn und damit verbunden innigste Heimatliebe, 
ja Heimatstolz. Er gründet sich beim Vorarlberger darauf, dass das 
Kronland in Hinsicht auf seine wirtschaftliche und geistige Ent- 
wicklung und auf die allgemeinen Bildungsverhältnisse den Vergleich 
mit irgend einer andern Landesgegend Österreichs aushält und 
namentlich das benachbarte Tirol wesentlich übertrifft. Und mit 
gleichem Recht wie der Vorarlberger ist der Liechtensteiner für seine 
Heimat eingenommen, in der er sich als Bürger eines zwar kleinen, 
aber wohlgeordneten und gedeihlichen Staatswesens fühlt. Der An- 
hänglichkeit an Fürst und Heimat entspricht hüben und drüben die 
im Volk allgemein verbreitete hohe Achtung für die bürgerlichen 
und. politischen Gesetze, doch handelt es sich dabei nicht um einen 
blinden Gehorsam, sondern um eine verstandesmässige Anerkennung 
ihrer Notwendigkeit und Nützlichkeit, und bei Neuerungen ist oft 
die Kritik, die das Volk an ihren Wert oder Unwert setzt, nicht klein. 
Ähnlich wie zu Heimat und Staat stellt es sich zum alther- 
gebrachten katholischen Glauben. Der Kirche treu zugetan behält es 
sich eine gewisse freisinnige Beurteilung religiös-kirchlicher An- 
gelegenheiten vor, ein Doppelzug geht durch den Volkssinn, den der 
im Frühling 1904 verstorbene Bregenzerwälder Dichter Gebhard 
Wölfle hübsch in die Worte gekleidet hat: 
„Meor ehrod das Alt, meor grüozod das Nü, 
Und blibod üs sealb und der Hoammad trü!“ 
Die moderne industrielle Entwicklung mit ihrer Zuwanderung 
fremder Volkselemente hat zwar den Anlass zur Bildung protestan- 
tischer Diasporen in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch, Triesen und 
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