Volltext: Nach Amerika!

  
sich die Zeitschrift einer katholischen Stellenvermittlungsagentur und 
fand eine Au-pair-Stelle in Delémont in der Westschweiz. Das war 
ziemlich unerhórt für ein streng erzogenes Mádchen im Liechtenstein 
der fünfziger Jahre. 
Ein Jahr lang lernte sie Französisch. Dann fand sie, es wäre an der 
Zeit, ihre Lieblingssprache, Italienisch, zu erlernen, und suchte sich 
über die gleiche Stellenvermittlung eine Stelle in Lugano. Die Wahl war 
nicht sehr glücklich getroffen. Die Familie, deren Kinder sie zu betreu- 
en hatte, sprach ständig Schweizerdeutsch, so dass sie kaum die Mög- 
lichkeit hatte, Italienisch zu lernen. Zu schüchtern und unerfahren, um 
sich im Tessin eine andere Familie zu suchen, zog sie frustriert nach 
Liechtenstein zurück. Sie nahm eine Stelle in Liechtenstein an, war 
aber nicht zufrieden. Sie fühlte auch nach wie vor den Wunsch, weg- 
zuziehen und unabhängig zu sein. Sie wollte das Leben ausserhalb 
Ruggells und Liechtensteins kennenlernen. So zog sie nach Olten (Solo- 
thurn), wo sie eineinhalb Jahre in einem Lebensmittelgeschäft arbeite- 
te. 1960 trat sie eine Stelle in einer Molkerei und einem Delikatessen- 
geschäft in Zürich-Seebach an. Diese Stelle gefiel ihr sehr gut, nicht 
zuletzt, weil sie wieder Italienisch lernen konnte, da viele Kunden Ita- 
liener waren. Sie blieb fünf Jahre. 
Ich würde viel darum geben, wenn ich das Gesicht der Grosseltern 
sehen könnte, als ihnen ihre Jüngste eröffnete, dass Zürich zu wenig 
weit fort war und dass sie über den Atlantik nach Amerika ziehen wer- 
de. Noch dazu bekam sie das Visum so schnell, dass sie nicht einmal 
mehr Zeit hatte, Englisch zu lernen. In der Schule war es nicht unter- 
richtet worden; für sie tönte es, als hätten die Leute Kartoffeln im 
Mund. (Das sagt sie uns immer wieder, wenn meine Schwester oder 
ich sie wegen ihrem Akzent hochnehmen.) Aber die bevorstehenden 
sprachlichen Hürden schreckten sie nicht. 
Als sie dastand, in New York, die Skyline von Manhattan vor und 
die «Queen Mary» hinter sich, da habe sie einen Moment lang Angst 
gehabt. Sie fand die Frau im roten Mantel und mit der Zeitung in der 
Hand. Mit ihr bestieg sie ein Auto und fuhr in ihr neues Heim in Forest 
Hills, Queens. Die Frau bemühte sich, sich mit Mutter auf Yiddisch zu 
verständigen. Glücklicherweise sprach aber ihr Ehemann ein wenig 
Deutsch. 
Rita sorgte für die drei kleinen Söhne und den Boston Bull Terrier 
der Familie. Die Familie stellte ihr neues Kindermädchen immer als 
«deutschsprachig, aber keine Deutsche» vor. | 
Eines wollte Mutter unbedingt in ihrem Vertrag festgehalten haben: 
Sie wolle jeden Sonntag in die Kirche gehen können. Die jüdische 
Familie respektierte diesen Wunsch nicht nur, sondern vergewisserte 
sich auch immer, dass eine katholische Kirche erreichbar war, wenn 
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