Volltext: Nach Amerika!

  
von 88 Jahren gestorbenen Vater und lebten in besten wirtschaftlichen 
Verhältnissen. Sie waren schon über ganz Amerika zerstreut, kamen 
aber oft zu ihrem Vater auf Besuch. 
Alois Rheinberger lernte trotz 67jährigem Aufenthalt in Amerika 
nie richtig Englisch. Einmal beklagt er sich in einem Brief: «Sie stellen 
sich das Verhältnis zwischen Grosseltern und Enkeln gar schön vor; 
ich wollte, es wäre so! Aber, wenn ich Ihnen sage, dass wir einander 
nicht verstehen, ich kann nicht viel Englisch, und die anderen kein 
Wort Deutsch. So ist es nicht allein in meinem Haus, sondern in tau- 
senden eingewanderter Leute.»? 
Emma Rheinberger hatte für ihren Vetter in Amerika das «Liech- 
tensteiner Volksblatt» abonniert. Es ist für ihn bezeichnend, was er 
dazu in jener Zeit zu sagen hat: «Die Liechtensteiner Zeitung kommt 
mir recht regelmässig zu. Ich finde sie recht gut geschrieben und die 
Beilage unterhaltend, besonders finde ich darin zuweilen ein Gedicht, 
wie aus meinem Herzen klingend. Was nicht ganz nach meinem Ge- 
schmack ist, sind die hochwohlgeborenen, hohen und allerhóchsten 
Herrschaften, die da immer vor Augen gehalten werden. Ich kenne nur 
Menschen als Kinder desselben himmlischen Vaters. Achtens- und lie- 
benswert. Meine besondre Schätzung des in der gesellschaftlichen 
Ordnung Höhergestellten richtet sich nach der Erfüllung seiner Pflich- 
ten gegen die ihm Untergeordneten.»?* 
Die Altersbriefe Rheinbergers lassen erkennen, dass sein Geist bis 
zum Schluss rege war. Doch die kórperlichen Kráfte nahmen immer 
mehr ab, so dass er zuletzt nur noch mit Hilfe von zwei Stócken einige 
Schritte gehen konnte. Seit dem Herbst 1912 wohnten die älteste Toch- 
ter Josepha, deren Mann gestorben war, und die Enkelin Maria bei 
ihm, so dass für ihn gut gesorgt war. Alois Rheinberger starb am 27. 
November 1915 im 89. Altersjahr. 
Wir können uns die Frage stellen, ob wir es bei ihm mit einem typi- 
schen Einwandererschicksal zu tun haben. Diese Frage ist mit Ja und 
mit Nein zu beantworten. Das Nein mag insofern zutreffen, als er sich 
wohl in der Neuen Welt nie vollständig eingliedern und zu Hause 
fühlen konnte. Er bemühte sich auch nie, die englische Sprache richtig 
zu erlernen, so dass er sich im Alter nicht einmal mehr mit seinen 
Enkelkindern verständigen konnte. Seine «Heimath» reichte nicht 
über seinen Zaun hinaus, wie er selbst einmal schreibt. 
Über seine Absicht, in Amerika zu bleiben, oder eines Tages wieder 
zurückzukehren, finden wir in den Briefen widersprüchliche Aussa- 
gen. Da war er wohl am Anfang noch schwankend. Als er dann aber 
sein Weingut auf die gewünschte Grösse gebracht hatte und die Kinder 
ihre Heimat in Amerika gefunden und dort auch ihre Familien gegrün- 
det hatten, fiel eine Trennung ausser Betracht. 
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