Volltext: Nach Amerika!

  
ten Ehen mehr herrschte. Dies mag als Emanzipation von kirchlicher 
Restriktionspolitik gewertet werden. Es lässt aber noch einen weiteren 
Aspekt deutlich werden: das Modell der patriarchalen Ordnung, in 
welcher der Vater die Braut bestimmte, griff nicht — der Vater fehlte! 
Die Emigranten hatten ihre familiären Bindungen hinter sich gelassen. 
Die patriarchal ausgerichtete Familie als die Institution, in der die Zu- 
kunft der Familienmitglieder durch Heirat und Berufswahl entschie- 
den wird, hatte durch die Auswanderung einiger ihrer Mitglieder ihre 
«Plazierungsfunktion» in gesellschaftlicher Hinsicht eingebüsst. Den 
Emigranten kam so eine erhöhte Selbstbestimmung zu, durch eine 
Berufs- beziehungsweise Ehe-Entscheidung den sozialen Status zu 
verändern. Dass diese Möglichkeit auch entgegen der Sippennorm 
wahrgenommen wurde, lässt auf eine erhöhte Durchlässigkeit des 
gesellschaftlichen Ganzen schliessen. 
Julius 
«Ich bin mit Julius seit lezten Sommer auf dem Lande weil er nicht 
ganz gut fühlte, nahe bei der Katharina**, und Alexander, ich habe 
dort ein Haus gebaut und wir haben im Sinn hier zu bleiben, der Juli- 
us ist wieder ganz gesund, es ist viel gesünder auf dem Lande wie in 
der Stadt.» (27.2.1893). Die Sorge um ihren Sohn Julius war nach 
dem Verlust ihres Mannes und ihrer beiden jüngeren Kinder zum 
Hauptanliegen von Karolina geworden. Julius war bei der Übersied- 
lung nach Troutdale 26 Jahre alt und aufgrund der Wirtschaftskrise 
ohne Arbeit. «Wir haben es besser wie in Portland, denn hier hat Juli- 
us seine eigene Arbeit und braucht nicht welche suchen.» (10.1. 
1895). Nach der Überwindung der Depression der neunziger Jahre des 
19. Jahrhunderts scheint er wieder Arbeit in seinem Beruf gefunden 
zu haben: «In der Zwischenzeit schafft Julius noch auf seinem Hand- 
werk. Er ist Zinnschmied.» (13.2.1904). Ansonsten arbeitete er in der 
Landwirtschaft. «Julius macht die Kartoffel raus, sie haben guten 
Preis.» (24.9.1911). «Ich war bald drei Wochen, das ich nichts tun 
konnte, denn ich hatte so Reumathismus im Genick, der Julius hat 
müssen die ganze Arbeit tun im Haus und Stall.» (2.1.1914). 
Die Sorge um ihren Sohn liess auch Karolinas Wunsch immer stär- 
ker werden, dass er heiraten möge. «Julius ist noch immer ledig, er 
wird wohl Pátschler?* oder Junggeselle bleiben.» (28.1.1900). «Ich 
wünschte noch, er würde sich mit einem redlichen guten Mädchen ver- 
heiraten ehe ich sterbe, aber hier auf dem Lande hat es keine.» (13.2. 
1904). Insbesondere bei ihren Portlandaufenthalten störte sie die Ehe- 
losigkeit ihres Sohnes, denn dieser musste dann selbst kochen. Die 
häufigen Belegstellen in den Briefen zeigen, dass dies nicht in das 
Geschlechter-Rollenbild passte. «Es nimmt mich?" immer drei Tage, bis 
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