Volltext: Nach Amerika!

Fridtjof Nansen oder die vielen Verwendungsmöglichkeiten von Alumi- 
nium. Über die Medienlandschaft in Wabash schrieb sie: «Ich habe 
vergessen zu sagen, dass die Stadt drei Tageszeitungen und vier 
Wochenzeitungen hat, zwei an den Haaren herbeigezogene republika- 
nische, eine demokratische und eine popokratische. Letztere hat nur 
eine Wochenausgabe, die demokratische eine tägliche Ausgabe jeden 
Morgen ausser Montag, die zwei anderen je eine Abendausgabe aus- 
159 
ser Sonntag. Wie sie sich gegenseitig bekümpfen !»^"^ Ihr Interessens- 
spektrum war breit, und sie wollte sich nicht aufgrund ihrer wirt- 
schaftlichen Lage vom gesellschaftlichen Diskurs ausgrenzen lassen. 
Die andauernde finanzielle Unsicherheit war beengend und beáng- 
stigend. Aline beliess es nicht dabei, ihr individuelles Schicksal zu 
bedauern, sondern sie suchte nach Hintergründen. Sie hinterfragte die 
wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Ihrem Cousin Jacques be- 
richtete sie nach Frankreich: «Die Geschäfte gehen nicht gut. Hier 
haben die Republikaner (i.e. die Aristokraten, die auf Kosten des 
Volkes leben) bei den letzten Wahlen den Sieg errungen. Wir sind für 
vier Jahre unter der Knute von Fanatikern. In Europa scheint es auch 
nicht gerade glünzend zu gehen, wenn man Zeitung liest. Frankreich 
scheint dem Ende zuzugehen.»'? Nachdem sie in diesem Schreiben 
den Wunsch geáussert hatte, dass die Erde sie verschlingen môge, bat 
sie ihren Cousin um franzósische Zeitungen. Die Medien waren für sie 
Zugang zu Information und Bildung und bewahrten sie vor einer 
Vogel-Strauss-Haltung. 
Als 1898 Martins Beschäftigung in der Brauerei wieder unsicher 
geworden war und Aline für ihn bei Frau Fanny Graty vorsprach, 
drehte sich das Gespräch der beiden Frauen mehr um die Dreyfuss- 
Affäre, die zu jener Zeit die Innenpolitik in Frankreich beherrschte, 
denn um eine Arbeitsstelle von Martin. Aline verfolgte die Affäre nicht 
nur aufmerksam in den Zeitungen und begnügte sich nicht nur mit 
Erörterungen. Sie schrieb der Frau des unschuldig der Spionage 
bezichtigten Hauptmanns Dreyfuss, nachdem diese auf die Wiederauf- 
nahme des Prozesses gedrängt hatte. Aline sagte ihr, dass sie um die 
Aufdeckung der wahren Schuldigen bete. Der Brief sollte ein teilneh- 
mendes Zeichen für Frau Dreyfuss sein. Er ist zugleich ein Zeichen für 
Alines Engagement gegen die Ungerechtigkeit. 
Aline war sich im klaren darüber, dass ihr Schreiben politisch nicht 
viel bewirken würde. Hellsichtig bemerkte sie ihre doppelte Ohn- 
macht, eine Ohnmacht aufgrund der gesellschaftlichen Stellung und 
eine aufgrund ihres Geschlechts. In der von wohlhabenden Männern 
dominierten Politik wurde ihre Stimme nicht gehört. Aline empörte 
sich gegen diese Ungleichheit. Sie tat das anfangs nicht laut und for- 
dernd, sondern gab ihre Auflehnung den Kindern und Schülern weiter. 
Alber 55 
 
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.