Volltext: Nach Amerika!

  
«Dinn und doss» 
Im Sommer 1992, einige Monate nachdem die Recherchen für die vor- 
liegende Publikation in den USA aufgenommen worden waren, wurde 
ich eingeladen, vor der Genealogical Society of Clayton County im 
Bundesstaat Iowa über die Liechtensteiner Einwanderer in dieser 
Gegend zu referieren. In der anschliessenden Diskussion wurde die 
Frage gestellt, warum denn wir im Auswanderungsland uns noch für 
die Auswanderer interessieren würden? Die Fragestellerin verstand 
zwar, dass sich jemand in einem Einwanderungsland fragen mochte, 
woher seine Vorfahren kamen. Doch warum sollte man sich in der 
Alten Welt für diejenigen interessieren, die davongezogen waren und 
in vielen Fällen alle Brücken hinter sich abgerissen hatten? Eine be- 
merkenswerte Feststellung. 
Es wäre aufschlussreich, die Funktion der zahlreichen Publikatio- 
nen über Auswanderung oder Auswanderer näher zu untersuchen. 
Unzählige Auswandererführer, Auswandererbiographien, Beschrei- 
bungen der Neuen Welt, Fiktionen und historische Aufarbeitungen 
sind in den letzten beiden Jahrhunderten erschienen. Die offenbar 
grosse Nachfrage deutet auf eine Art Wissensdurst hin, der dem 
Wunsch zu wissen, woher die Vorfahren kommen, ebenbürtig ist. 
Offenbar wollen die Menschen bei uns verstehen, warum so viele aus 
ihrer Mitte in die Fremde gezogen sind. Es wird immer wieder betont, 
dass Schriften zur Auswanderung oder über die Neue Welt Europäer 
zur Auswanderung animierten. Tatsächlich dürfte die Mehrheit der 
Menschen, die diese Schriften gelesen haben, nicht ausgewandert 
sein. Für sie war das Lesen vielleicht eine Ersatzhandlung, oder die 
Lektüre bot den Zurückgebliebenen Erklärungen dafür, wie und wa- 
rum die Auswanderer ihre Heimat verlassen konnten. 
Ähnlich wie ein Migrant in der neuen Heimat mehr oder minder 
grosse Anpassungsschwierigkeiten zu überwinden hat, müssen sich 
die Zurückgebliebenen mit der Tatsache abfinden, dass viele von ihnen 
«einfach gegangen» sind. Oft wird die Auswanderung als Heldenge- 
schichte glorifiziert. Damit hilft sich die Bevölkerung selbst, das vage 
Gefühl zu überwinden, dass sie oftmals von den Tüchtigsten im Stich 
gelassen wurde. Wenn man sich beispielsweise erzählt, dass es die 
Liechtensteiner in Amerika zu etwas brachten, dann erfüllt diese Aus- 
sage eine doppelte Funktion: Einerseits ehrt sie die Auswanderer für 
ihre Leistung, andererseits rechtfertigt sie ihre Auswanderung gegen- 
über den Zuhausegebliebenen. 
8 Vorwort
	        

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