Volltext: "Götter wandelten einst..."

   
die rühmliche Ehre der Spenden und Opfer, hätt’ es nicht Zeus bemerkt und 
tief im Herzen erwogen.? Da kein Zureden Demeters Sinn veränderte, 
zwang Zeus seinen Bruder, Persephone wieder freizugeben. Der Gott des 
Dunkels aber gab seiner Gattin, bevor er sie zu ihrer Mutter entlieD, heim- 
lich einen Granatapfelkern zu essen, denn es war Gesetz, daß ein jeglicher, 
der in der Unterwelt Speise zu sich nahm, stets zu dieser zurückkehren 
müsse. So kam es, daß Demeter ihre Tochter mit Hades teilen mußte. Fortan 
residierte Persephone ein Drittel des Jahres als Königin in der Unterwelt, 
zwei Drittel des Jahres hingegen verbrachte sie bei ihrer Mutter und im Kreis 
der übrigen Götter. Während ihres Aufenthaltes bei Hades aber herrschte 
Winter und die Natur schwieg. Die übrige Zeit jedoch, da Demeter sich 
über die Anwesenheit ihrer Tochter freute, zeigte sich die Natur im wech- 
selnden Kleide von Saat, Blüte und Frucht. 
Lange gedachten die Menschen der beiden Göttinnen, die ihren er- 
tragreichen Segen über den Erdkreis verstreuten, im Tempel zu Eleusis, wo 
sie das Mysterium des Todes und der Auferstehung, welches im periodischen 
Wandel der Jahreszeiten vorgezeichnet war, kultisch feierten. 
Elhafens Elfenbeinrelief ist in zwei Darstellungsebenen untergliedert. 
Der Vordergrund zeigt spärlich bekleidete junge Frauen im Mit- und Ne- 
beneinander, von denen einige durch Winken auf das Geschehen im Hin- 
tergrund reagieren. Dort steht Hades auf dem Wagen seines wild über Wol- 
ken galoppierenden Viergespannes und ist gerade im Begriff, Persephone, 
die er mit starken Armen umklammert hält, zu entführen. Elhafen nutzte für 
seine Darstellung einen Stich von Lukas Kilian aus dem Jahre 1605 nach ei- 
nem Gemälde von Joseph Heintz für Kaiser Rudolf II.* Dort aber dominiert 
die Szene des Raubes, während sie bei Elhafen kompositorisch und auch 
thematisch in den Hintergrund tritt. Sein Interesse galt offensichtlich dem 
friedlichen Treiben schöner Frauen, die sich in Muße ihres Daseins erfreuen. 
Eine unter ihnen wird von Hunden begleitet, und wohl zu Recht wurde in 
dieser Figur die Göttin Artemis (röm. Diana) erkannt,* die jedoch bei Ovid, 
der zugleich als Quelle der ganzen Szene angegeben wird, nicht vorkommt. 
Im homerischen Götterhymnos an Demeter aber erwähnt Persephone ge- 
genüber ihrer Mutter neben den zahlreichen Begleiterinnen, die auf der 
Wiese Blumen pflückten, auch die Göttin der Jagd, zusammen mit Pallas 
Athene, «der Kimpferin».® Denn Artemis, Athena und Persephone bildeten 
das Dreigestirn der grofen jungfriulichen Góttinnen — sie bildeten «die 
Dreiheit, von dem ein Drittel dem Ràuber anheimfiel und ein Drittel des 
Jahres unter der Erde blieb». Wer aber ist auf Elhafens Relief «die Kämpfe- 
rin»? Ist sie überhaupt anwesend? Der Künstler scheint nach eigenem Gut- 
dünken hinzugefügt und weggelassen zu haben, gerade wie es seinem Be- 
dürfnis entsprach und nicht danach fragend, ob er Übereinstimmung mit der 
literarischen Quelle erzielte.? 
Von den ursprünglich achtzehn Relieftafeln Elhafens, die sich einst in 
den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein befanden, mag die hier vor- 
liegende eventuell mit jener, die «Diana und Callisto» zum Inhalt hatte, ein 
Pendant gebildet haben.’ 
  
 
	        

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